Wolter v. Egan-Krieger

Tradition mit dunklen Flecken

Historische Kleinigkeiten aus Freising

Gerd Spann Verlag Kranzberg, 1987

ISBN 3-923775-04-0

238 Seiten mit zahlreichen Abbildungen

 

In dem heimatkundlich-geschichtlichen Buch, das sich vor allem auf Primärquellen stützt, wird die Entwicklungsgeschichte diverser Bauwerke und Einrichtungen der Stadt Freising und deren Umgebung behandelt: Die Kuriosität der Beseitigung eines Bauerndorfes, das der Natur zu weichen hatte, der Abbruch von Stadttoren und zugehöriger Befestigungsanlagen - trotz landesrechtlich verankertem Denkmalschutz, Abrißanträge für eine Kirche und Auflassung des zugehörigen Friedhofs gegen den erklärten Willen einer Bürgerschaft u. a. mehr. Aus den erhaltenen gebliebenen Archivaufzeichnungen und Pressenotizen der seinerzeitigen Presse konnten somit Zusammenhänge sichtbar gemacht, Vorurteile bestätigt oder ins Reich der Fabel verwiesen werden. Dagegen sind die zum Erscheinungszeitpunkt des Buches noch einigermaßen erkennbaren Überreste vergangenen Wirkens immer schwerer auszumachen. Die einstigen Standorte der bäuerlichen Anwesen Oberberghausens, die Brunnenlöcher der Höfe gehören dazu, das Salicetum, - vor allem aber das Streitobjekt der Freisinger Müller, die sogenannte Fudt an der oberen Moosach: Das alles dürfte wohl bald für immer verschwunden sein. Geschichtlich interessierte spätere Generationen werden über die Lokalitäten streiten, was im Falle des Moosachüberlaufes Fudt immerhin in Fortsetzung alter Tradition geschieht. Positiv zu vermelden ist dagegen die Restaurierung des einstigen Schönleutnerhofes und die Instandsetzung des Waldhüterhauses in Oberberghausen.
In den Kapiteln des Buches handelt es sich um folgende sieben Themenbereiche, die kurz besprochen und ggf. durch einen kurzen Leseauszug vorgestellt sind:

 

1. Die Entwicklungsgeschichte und der Niedergang des Dorfes Oberberghausen bei Freising,

2. Umsponnen von Wolle und Seide: Der Schafhof,

3. Die Moosach und ihre Mühlen,

4. DieMarcktprunnen zu Freysing",

5. Die Mariensäule: Zierde der Stadt,

6. Die Geschichte der Stadtmauer Freisings in dem Aufsatz Barrikaden aus Stein,

7. Über den Abbruch der Freisinger Stadttore (Vom Abbruch des Münchner Tores).

 

Oberberghausen bei Freising

... Es ist ein Ort voller Widersprüche: Eine kleine Kirche, die vom Künstlerischen her sicher nichts Wertvolles zu bieten hat und trotzdem anziehend ist. Ein arg dem Verfall preisgegebenes unscheinbares Waldhüterhaus, das neugierig macht. Ein kleiner Friedhof um die Kirche herum, dessen schmiedeeiserne Grabkreuze völlig überwachsen sind, die Tafeln verwittert und größtenteils schon unleserlich — auch dies nicht gerade unserem Ordnungssinn entsprechend. Es ist ein Dorf, das der Natur hat weichen müssen, wo wir es doch seit Jahrzehnten nur umgekehrt erleben ...

Gerade jener anklagende Text, der noch im Jahre 1985 eines der schmiedeeisernen Grabkreuze zierte, war mir Anlaß, das historische Geschehen um den Niedergang dieser Ortschaft zu ergründen. Die fragwürdigen Maßnahmen seinerzeit, mit der sich die staatliche Administration in den Besitz der vier Bauernanwesen setzte, die überstürzte Eile, in der die Dorfbewohner ihre Höfe verlassen mußten, und schließlich der Kampf um den Erhalt von Kirche und Friedhof sind die vorrangigen Themenbereiche. Darüber hinaus wurde auch dem weiteren Schicksal der ehemaligen Oberberghauser Bauernfamilien nachgegangen.

Doch an dieser Stelle zunächst einmal eine Bilanz seit 1985. Tatsächlich holt sich die Natur nach und nach alles von Menschenhand Geschaffene zurück. Das Brunnenloch des alten Kellhamerhofes mit seiner deutlich sichtbaren roten Backsteinausmauerung, 1990 aus Sicherheitsgründen noch eingezäunt, ist heute örtlich nicht mehr zu bestimmen. Die Kellerfenster des Wohnhauses (Kellhamerhof) werden noch ein paar Jahre länger der Überwucherung und Erosion trotzen, ebenso die Überreste der alten Backstube. Maierhof und Ochsenhanshof ließen 1985 noch ihre einstigen Standorte wie die Anordnung der Gebäude erkennen. Die jeweiligen Brunnenlöcher inmitten der beiden Höfe waren deutlich auszumachen. Heute fällt allenfalls die unnatürliche Vertiefung beim ehemaligen Maierhof auf, bei dessen Abtragung man noch nicht auf vollständiger Einebnung bestand. Desgleichen ist das ehemalige Salicetum, der Weidenversuchsgarten des Projektes „Weidenbusch“ als solches nicht mehr zu erkennen. Lediglich die künstlich angelegten drei kleinen „Weiher“ erinnern an dieses mit geradezu euphorischen Zukunftsvisionen bedachte Projekt und scheinen dem Zahn der Zeit zu trotzen.

Anstelle des „Salicetums“ von 1884 ist heute das „Arboretum“ getreten, - ein Baumlehrpfad mit vorwiegend exotischen Hölzern, die seinerzeit versuchsweise angepflanzt wurden. Man experimentierte mit diesen Gehölzen und erhoffte sich schnelles Wachstum und somit höheren Ertrag. Die inzwischen mächtig herangewachsenen Recken sind heute mit botanischen Tafeln versehen; jüngere Neuanpflanzungen ergänzen die alten Bestände.    

Von den Grabinschriften aus der Zeit der alten Dorfgemeinschaft fand sich bereits zwanzig Jahre nach dem Ende des Dorfes (1883) nichts Erkennbares mehr. Der Wunsch, dem Friedhof sein würdiges Ansehen zurück zu geben, ließ denn auch der Phantasie freien Raum. Grabkreuze fremder Dorfgemeinden fanden hier ihre letzte Bleibe, die Inschriften wurden nach Gutdünken erstellt. Das blieb bis heute so. Wer also die Inschriften aus der Vergangenheit, geschweige Originaltexte zu finden hofft, sucht vergeblich.

Relativ gut überlebten die wertvollen alten Baumbestände aus jener Zeit. Zwar forderten die verheerenden Stürme der letzten Jahre auch hier ihren Tribut, Kirche und Friedhof blieben freilich weitgehend verschont. Ein umstürzender Baum machte allerdings der kleinen Handpumpe den Garaus, die sich unweit des einstigen Meßnerhofes befand. Das ausnehmend gute Wasser, für das sich vor hundert Jahren sogar eine Brauerei interessierte, ist seither versiegt.

 

Hier ein Auszug aus dem Kampf der Bevölkerung um den Erhalt der Kirche:

„... Am nächsten Sonntag findet in der St. Klemenskirche dortselbst der letzte Gottesdienst statt. Bald darauf soll mit dem Abbruch des beinahe tausend Jahre alten, noch mit einem Holzplafond versehenen und im Jahre 1872 renovierten Gotteshauses begonnen werden. Gleichzeitig werden vier Bauernhöfe niedergerissen und ein grossen Kreuz, welches an der Stelle der Kirche zu stehen kommt, mag künftigen Geschlechtern die Stätte bezeichnen, an der einst eine ganze Ortschaft gestanden...“

Für Gehöfte und Kirche gab es klare Zielvorstellungen; das heikelste Problem aber wurde vor der Öffentlichkeit totgeschwiegen: der Friedhof. Das Thema Exhumierung erschien kaum als werbewirksam für die staatlichen Pläne. Sehr bald schon wandelte sich die forsche Vorgehensweise des Forstamtes in eine unschlüssige Zurückhaltung. Den Lebenden gegenüber hatte man keine Skrupel besessen — vor den Toten zeigte man Respekt. Hier sollte sich dagegen eine andere Stelle als hilfsbereit erweisen: die Kirchenverwaltung in Wippenhausen. Jene scheint ihre Filialkirche ohnehin nie sonderlich geliebt zu haben, ließ sie doch kaum die notwendigsten Reparaturen ausführen, so daß laut einer Feststellung des Jahres 1855 dem Portal gar der Einsturz drohte.

Die Gelegenheit, sich von dem unbequemen Anhängsel zu trennen, war günstig, und so verfaßte das Pfarramt Wippenhausen bereits am 4. Dezember 1883, nur wenige Tage nach dem letzten Gottesdienst, den Antrag auf Abbruch der Kirche. Da der Friedhof auch den Bewohnern der Ortschaft Ampertshausen als letzte Ruhestätte gedient hatte, verschaffte man sich auf schnellstem Wege eine Einverständniserklärung um Überführung der Verstorbenen auf den Friedhof nach Wippenhausen. Die Angehörigen unterschrieben.

Eine Gedenktafel mit den historischen Daten des Kirchengebäudes sollte künftig den Platz markieren. Hierbei aber stellte das Pfarramt ernüchtert fest, daß man nichts über den Kirchenbau wußte und lediglich „... die Jahreszahlen 1617, 1717 und 1872 fand, in welchen das Kirchlein reparirt wurde..." Dafür fand sich ein Gutachter, der „... mit Ausnahme des Bildnisses des hl. Clemens... nichts vorfand, was der Erhaltung werth gewesen wäre..."

Bereits Ende Januar 1884 mußte die Kirchenverwaltung erstmals gewisse Schwierigkeiten mit der Bevölkerung eingestehen: „...es erscheint Georg Becker, Austragsgütler von Ampertshausen und erklärt, daß es die Meinung und der Wunsch der sämtlichen Bewohner der Ortschaft Ampertshausen sei, die irdischen Überreste im Friedhofe von Oberberghausen zu belassen und von einer Exhumirung abzusehen, und zwar für alle Fälle, sei es, daß das Kirchlein niedergerissen werde oder erhalten bleibe... dies sei auch der Wunsch der bereits abgezogenen Anwesensbesitzer von Oberberghausen, deren verstorbene Angehörige im Friedhof dortselbst ruhen.. ." Damit widerriefen die Betroffenen ihr anfänglich gegebenes Einverständnis. Unbemerkt von der Öffentlichkeit nahm die kleine Dorfgemeinschaft den Kampf um die Ruhe ihrer verstorbenen Angehörigen auf.

Die Gefühle der Betroffenen wurden vom Freisinger Tagblatt mehr oder weniger als erheiternde Nebensächlichkeiten angesehen und entsprechend publiziert: „Des Kirchleins Schicksal ist noch nicht entschieden, obwohl schon behauptet werden kann, daß die Aussichten immer schlimmer sich gestalten. Ja, zu ergötzlichen Vorkommnissen hat der 'Kirchenkummer' schon geführt. Ein gar eifrig Bäuerlein, echt konservativ und anhängend dem Begräbnisort der Vorfahren, fuhr schon nach München zum Ordinariat ('Notariat' im Vulgärmunde), um Berghausen Sepultur und Gottesdienst zu retten, soll aber nichts Erfreuliches zu hören bekommen haben. Alltäglich nun wandert selbiges Bäuerlein hinüber nach dem verödeten Orte, Gebet zu läuten und des alten Kultus fromme Übung nach Kräften bis zum Äußersten aufrecht zu erhalten. Ein rührender Zug von Pietät..."

Der herablassend-mitleidige Ton, mit dem das Geschehen kommentiert wird, läßt kaum mehr als eine schmunzelnde Kenntnisnahme beim damaligen Leserkreis vermuten, und doch haben Presse und das eifrige Bäuerlein möglicherweise die entscheidenden Beiträge zur Erhaltung der Kirche und des Friedhofes geleistet ...

 

Umsponnen von Wolle und Seide: Der Schafhof

Auf einem Höhenzug im Nordwesten Freisings steht halbverfallen ein altes Gebäude: Der Schafhof oder Schönleutner-Hof, ehemaliges Vorwerk des Staatsgutes Weihenstephan. Betrachtet man die Ruine genauer, so fällt einem der individuelle Charakter auf, der diesem Bauwerk zu eigen ist: zwei etwa quadratische Gebäudeteile, die durch ein inzwischen eingefallenes Bogendach verbunden gewesen sind; deutlich erkennbar ist noch die merkwürdige Stützkonstruktion an den Giebelwänden der beiden stehenden Teile. Schwer vorstellbar hingegen erscheint das unversehrte Gesamtbauwerk dem geistigen Auge, und aus diesem Grunde ist man sich durchaus nicht sicher, ob der Komplex einmal im ästhetischen Sinne schön gewesen sein mag ...

Der Schafhof, im Jahre 1819 von Max Schönleutner erbaut, erhebt sich heute wieder vollständig restauriert über das hügelige Gelände. Lediglich die ursprünglichen Kamine an den beiden Seitenflügeln sind verschwunden. Das Bogendach, unter dem einstmals königliche Schafe Schutz fanden, überwölbt seit seiner Neuentstehung landwirtschaftliches Gerät.

Die wechselnden Funktionen des Gebäudes scheinen den Schafhof auch weiterhin zu begleiten: Ursprünglich als Stall für Merinoschafe errichtet, stand das Gebäude später im Mittelpunkt von Hopfen- und Weinanbau, für einige Jahre gar bei der Seidenraupenzucht; als Schulgebäude für Landwirtschaftsschüler diente es ebenfalls, bis es wiederum als Stall für Jungrinder der Tierhaltung diente.


Zuletzt war es Wohnobjekt, bis der Verfall auch diese Nutzung unmöglich machte. Das als Besonderheit geltende Bogendach mußte wegen Einsturzgefahr eingerissen werden. Als Ruine für Jahrzehnte sich sellbst überlassen (s. Foto), wurde das Gebäude  nach der Restauration als Agrarmuseum genutzt, bis es nun als Europäisches Künstlerhaus eine neue Bestimmung gefunden hat.

Hier ein Auszug über die Wein- und Hopfenversuche und die Merinozucht:

... Die Weinpflanzung ist von Schönleutner wohl nur halbherzig betrieben worden. 1828 schreibt er hierzu: „Was sie abzutragen im Stande ist, kann bey einem zweijährigen Alter... nicht ausgemittelt werden; lohnende Erfolge sind bey dem vielen Arbeitsaufwande wohl in keinem Fall zu erwarten."

Erst drei Jahre später war ein Urteil möglich. Die Qualität des Weines im fünften Jahr seines Anbaus scheint selbst die vorsichtigsten Erwartungen unterboten zu haben und führte zur sofortigen Einstellung der Versuche ...

In vino veritas. Die Weinstöcke erlebten ihr sechstes Jahr nicht mehr. Anders verhielt es sich mit dem Hopfen. Diese Pflanzung warf bis zu ihrer Vernichtung im Jahre 1842 immerhin einigen Gewinn ab, wenn auch Schönleutner 1828 beklagte: „Die Hopfengärten haben aufgehört, die Quelle eines reichen Lohnes zu seyn, wofür man sie früher mit Recht gehalten hatte. Seit mehreren Jahren ist der Markt mit dieser Ware so überfüllt, daß man nur äußerst niedere Preise erhält, und der Anbau von Jahr zu Jahr weniger lohnend wird, wenn man die Auslagen für die vielseitigen Arbeiten, welche die Pflanze erfordert, in Berechnung bringt." Der gleiche Preisverfall also, der später auch auf dem Wollmarkt zu beobachten war und der schließlich zu einer Änderung der Zuchtvorgaben bei Schafen führte.

Die Versuche mit den Tieren begannen tatsächlich vielversprechend, wenngleich auch hier empfindliche Rückschläge nicht zu vermeiden waren. Angestrebtes Zuchtziel war natürlich ein tierisches 'Perpetuum mobile': Eine Spezies, die bestmögliche Wolle, schnellen Fleischzuwachs und hohe Fruchtbarkeit bei gleichzeitig geringem Pflegeaufwand, äußerster Robustheit und widerwilliger Freßlust zeigte.

Die Merinos waren den einheimischen Gattungen in puncto Wolle erheblich überlegen, doch fielen sie in ihrer Fruchtbarkeit und vor allem in ihrer Witterungsanfälligkeit weit von den robusten Zaupel- und Frankenschafen ab. Allein die in die Höhe geschnellten Preise für Spitzenwolle sorgten für die weitere Selektion. Die Jagd nach dem goldenen Vließ bekam eine Neuauflage.

Wenn Schönleutner sich überhaupt je an dieser Jagd beteiligt hat, dann höchstens in den ersten Jahren. Schon bald erkannte man, daß der Zug für Bayern abgefahren war. Der Vorsprung von fünfzig Jahren, den Sachsen und Schlesien an Merino-Zuchterfahrung besaßen, war uneinholbar geworden ...

 

Die Moosach und ihre Mühlen

Manch einer wird es schon versucht haben: Das Mäandersystem der Moosach zu begreifen, die einzelnen Flußläufe durch Freising zu verfolgen und hinter der Stadt wieder richtig zuzuordnen — ein Unterfangen, das gar nicht so einfach ist. Schwierig genug ist es schon, die vier Arme am Fuß des Weihenstephaner Berges auseinander zu halten, ihnen gar Namen zu geben, wo sich doch bald die einzelnen Wasserläufe vielerorts miteinander vermischen. Ebenso ernüchternd ist es, einen Flußlauf, der plötzlich vom Erdboden verschwindet, an einer entfernteren Stelle wiederzuentdecken, um dann verblüfft festzustellen, daß es sich um einen anderen handelt.

Nicht erst seit heute bestehen diese Schwierigkeiten. Frühere Generationen taten sich ebenfalls schwer. Der Schleiferbach zum Beispiel, einer der vier auf die Stadt zufließenden Wasserläufe, wurde irgendwann zum Galgenbach. Später gab er diesen Namen an seinen Nebenarm ab, obwohl der nie in der Nähe eines Galgens geflossen ist ...

Schwierigkeiten mit Namensdefinitionen der einzelnen Mühlbäche hatten die sechs in unmittelbarer Stadtnähe mahlenden Müller zwar weniger, um so mehr jedoch war die Wasserführung der einzelnen Rinnsale strittig. Für sechs Mühlen reichte das Moos-Wasser einfach nicht aus, so daß sich die Müller gegenseitig mehr oder weniger heimlich das Wasser abgruben.

Einer der umstrittensten Überläufe in dem Mäandersystem der Moosach war die sogenannte Fudt, ein Überlauf nahe der alten Veitsmühle am Weihenstephaner Südhang, der auch heute noch erkennbar ist. Über Jahrhunderte zogen sich die Streitereien hin, ungeachtet dessen verbindliche Regelungen geschaffen wurden. Der Bischof Veit Adam schließlich hatte ein Einsehen. Am 19. Juni 1624 legte er den Überlauf mit neuen Maßen fest: „.. .daß erstlich oftgedachter Rinnsall oder Wassergang, die Fudt genannt, in der Weite der zwei Schuhe und vier Zoll, wie es denn derzeit also bestunden und deßwegen ohne Streit verblieben, in der Tiefe aber das Wasser allweg auf zween Schuhe hoch, zumahlen auf solche Weise die Zihlen (Fischerboot) mehr als reichlich durchpahsiren kann ..." Doch wie genau die Maße auch waren: Möglichkeiten, sie zu umgehen, gab es genug ....

Neben dem Streitpunkt „Fudt“ gab es eine nicht minder heikle Mühlenangelegenheit in der Person des aufsässigen Kammermüllers (Kammermühle, heutiges Parkcafe), der sich wiederholt mit der Obrigkeit anlegte und Stadtrat und Bürgermeister zum Narren hielt. Hier kurze Auszüge:

... Doch nun kam Georg Thallmann. Er kam aus Tirol und war für den Bürgermeister und Rat gewiß keine Bereicherung, für die Stadtgeschichte dafür um so mehr. Mit seinem provozierenden Auftreten, seinem Einfallsreichtum und seiner Bequemlichkeit bescherte er dem damaligen Stadtoberhaupt eine erfrischende Amtsperiode.

Zunächst einmal ließ er alles auf sich beruhen. Das Mühlrad drehte sich, und das war ihm genug. Da er den Mühlbach nie räumte, die Wehranlagen verkommen ließ, staute sich das Wasser langsam und stieg. Entsprechend sickerte es ins umliegende Land. Kaum zwei Jahre nach Übernahme der Mühle hatte er deshalb den Stadtrat dermaßen gegen sich aufgebracht, daß eine Kommission gebildet wurde, um den bedenklichen Beschwerdefluß zu untersuchen. Der 14seitige Kommissionsbericht verrät allerhand:

„... Gleich bei dem ersten Antridt des stridtig Ohrts, das ist bei dem Gestad der inoffentlichen Münchner Landstrassen weit oberhalb des oberen Khraudtgardtens stehend verbleibenden Wassers, wird dises vorgetragen, daß der Cammermiller seinen dem Vorkhommen nach ganz verwasten Millpach zu raumben sich verwaigert und durch solche Verwasung und underlassene Raumbung das Wasser dergestalten aufweherts wird zuruckhgetrukht und geschwollet, daß selbiges einen natirlichen Lauff nit haben, und man also den Ohrten, weilen das Wasser in Midten ebn Landtstrasse stehent verbleibt und tieff einsitzet, nit ohn Loib- und Lebensgefahr darauf passiren möge..."

Die früheren Kammermüller hielten das Wasser immerhin einigermaßen in Grenzen und sorgten wenigstens ab und an für eine zumindest symbolische Räumung des Mühlbachs. Anders Georg Thallmann. Er ließ allem freien Lauf. Im Kommissionsprotokoll wird aufgeführt, wie man im Guten mit ihm eine Einigung versuchte: „... hat bei dem Cammermiller nit verfangen und er sich der aufgetragenen schuldtigen Verübung nit bequemben ... will..."

Am 5. November 1687 endlich setzte der Bischof einen vorläufigen Schlußpunkt. Vorbehaltlich einer späteren gerichtlichen Regelung dieser Streiterei verurteilte er den Kammermüller zur unverzüglichen Räumung und vollen Kostenübernahme.

Doch Georg Thallmann hatte vorgebaut. Den Urteilsspruch des Bischofs nicht abwartend, hatte er Zimmerleute und Tagwerker beauftragt, seinen Ablaß zu erneuern und abzudichten." Drei Tage lang arbeiteten diese daran. Die Kosten beliefen sich auf vier Gulden. Dem Bischof zeigte er damit guten Willen, der Stadtkammer dagegen überließ er die Rechnung.

Der Schuß ging nach hinten los. Aufgebracht beschwerte sich der Magistrat erneut und veranlaßte den Bischof zur unmißverständlichen Anweisung an die Kammer, keinerlei Kosten zu übernehmen ...


Bald darauf machte Thallmann erneut von sich reden. Eine Besichtigung seiner Mühle brachte an den Tag, daß auch im Hausinneren einiges im Argen lag: „... daß auf dem Fußpoden gar vill ausgestaubtes Mell gelegen, vier der Peutl-SäckI, wordurch das Mell heuffig ausstauben khinne ganz verrissen, der hindtere Cassten beym Stampf gar schlecht, und die Millwendt und der Podten auf dem oberen Steig dermassen offen gewesst, daß man durch die Millwendt an tails Ohrten mit ganzer Handt hinausfahren ..." konnte. Alle diese Punkte verstießen gegen die Mühlenordnung und führten zu einer sofortigen Verurteilung Thallmanns von 12 Reichstalern, „.. .wiwol er... noch ain mehrers Straff verdinet hette..." 

Die am 27. Juni 1695 einberufene Kommission nahm auch den Moosachüberlauf in Augenschein und stellte staunend fest: „... daß der Cammermiller ainen Grundt negst erwehndtem Wassergründl abgestochen und also zum Schaden des Stainmillers solchen erweidtert hat, somit dahero geboten wirdt, daß er die vorgezaigten Fähler also gleich wendten und das paufällige Wassergründl auf beiden Seithen repariren und machen lassen solle..."


Seltsame Dinge haben sich in diesen Jahren nahe der Veitsmühle zugetragen. Der Moosachüberlauf, die Fudt, rückte dabei kurzzeitig in den aktuellen Blickpunkt: „... weilen bei dem underhalb der Veithsmill stehenten Ablaß ein verschaidener Schwärdtling von den darnebenstehenten aichernen Steckhen herausgezogen und nächtlicher Weil hinwekhgetragen wordten..." Nachforschungen über den Verbleib dieses Brettes blieben ergebnislos. Selbst Georg Thallmann, der sonst stets auf alles eine Antwort wußte — in dieser Sache wußte er von nichts  ...

 

Die „Marcktprunnen zu Freysing"

Wenig bekannt ist, daß der heutige Marktbrunnen am Marienplatz einst zwei Vorgängermodelle an dieser Stelle hatte: Eine uns unbekannte Ausführung aus Eichenholz, und eine aus Marmor, dessen Details uns überliefert sind. Gerade auf letzteren berief man sich bei der Errichtung des neuen Brunnens.

Zwischen neu und alt bestehen so gut wie keine Ähnlichkeiten. Bestand der alte Brunnen aus einem achteckigen Becken, in dessen Mittelpunkt sich eine lebensgroße St.-Georgs-Figur auf einer Rundsäule erhob, so ist der Moderne niedrig gehalten und besteht lediglich aus einer quadratischen Wanne, die in 16 kleinere Quadrate unterteilt ist. ‚Keinesfalls dürfe ein zu errichtender Brunnen in Konkurrenz zur Mariensäule stehen’, so lautete die Vorgabe der Fachleute, ‚und deshalb sei dieses unauffällige Modell als geeignet anzusehen’. Eine Unverträglichkeit zwischen Mariensäule und dem weitaus auffälligeren Georgsbrunnen wollte man Jahrhunderte zuvor allerdings auch nicht erkennen.

Umstritten ist der jetzige Brunnen nach wie vor. Für die Einen das blanke Nichts, für andere durchaus mehr. „... derweilen es ein spöttliches Ansehen auf dem Marckt bey denen Durchreisenden ...“, lautete die Kritik 1643 angesichts des ruinösen Brunnenzustandes. Immerhin befindet sich der moderne Brunnen bereits länger in Betrieb als seine Vorgänger. Und noch etwas: Er paßt recht gut zu dem Bankhaus, vor dem er steht. Jenes schlichte Bauwerk gab es seinerzeit noch nicht.

 

Die Mariensäule: Zierde der Stadt

Das Kapitel behandelt den Umgang mit dem Denkmal seit seiner Errichtung:

Wie bei jedem Bauwerk ist auch mit der Mariensäule auf dem Freisinger Marktplatz ein bestimmter Zeitabschnitt und Zeitgeist verbunden. Im Unterschied zur Münchner Mariensäule, die noch während des Dreißigjährigen Krieges errichtet wurde, sind es in Freising die Jahrzehnte danach mit der langsam beginnenden Aufbauphase. So kann die Gestaltung des Stadtmittelpunktes als Zeichen eines Neubeginns gewertet werden, als langsames Erwachen eines verelendeten, in Apathie versunkenen Landes. Das errichtete Monument entsprach dem Geschmack seiner Zeit. Stil und Mode wandelten sich jedoch im Laufe der Jahrhunderte und wurden regelmäßig dann zu einer Gefahr für das Denkmal, wenn Witterungsschäden größere Restaurationen notwendig machten. Oft widerstand das Monument dem Verfall nur dank der Besonnenheit weniger. Heute dreihundert Jahre nach ihrer Errichtung, zeigt die Mariensäule von Freising neben dem „Stil und Geist" ihrer Zeit auch deutlich den Geist späterer Generationen.

... Pünktlich zum Pfingstfest 1674 ist die Mariensäule eingeweiht worden. Franz Kheimbhofer hatte ein Meisterwerk geschaffen, das rundum zufriedenstellte. Er selbst hingegen scheint sich in einer weniger befriedigenden Verfassung befunden zu haben: Monatelanger Arbeitsdruck und die Bemühungen, die Mehrkosten im überschaubaren Rahmen zu halten, hatten sich auf seine Gesundheit geschlagen. Ein Bittbrief an den Bischof vom l. Juli 1674 läßt seinen Zustand erkennen: „... ich lebe in der getrosten Hoffnung, es werden zu forderst Euer Hochfürstl. Durchl. und all der Sachen verstendtige ... Leuth mit diser meiner Arbeith zufrieden sein, wie ich dann mit Gott betheuren khann, daß mich dises Werckh maniche Nacht ungeschlaffen geleget: also zwar, daß ich im Khopff nunmehr schwach, an meinen Cröfften und Glidtern auch mich zimblichen abgemattet befündte ...

Ob diesem Bittbrief um eine Mehrkostenerstattung des Bildhauers stattgegeben wurde, ist ungewiß. Fest steht, daß der Freisinger Fürstbischof nichts am fertigen Kunstwerk zu beanstanden hatte und deshalb die vom Künstler als Sicherheit hinterlegten „Haabstückh und Gütter“ zurückübereignete.

Mehr zu beanstanden hatten spätere Generationen: „... Bei der gegenwärtigen Restauration des Marienmonumentes am hiesigen Hauptplatze haben sich manche, — und dazu nicht ungewichtige Stimmen dahin laut werden lassen, daß die 4 steinernen Heiligenstatuen, die bisher auf dem Piedstall an den 4 Ecken sich befanden, für die Zukunft entfernt werden möchten, indem ihre unschöne Form zur Verschönerung des Monumentes nicht nur nichts beitrügen, sondern dieses Denkmal eher verunstalten, welches in edler Einfachheit weit würdevoller sich praesentiren würde. Der Unterzeichnete kann nicht umhin, ebenfalls zu gestehen, daß die genannten Statuen allerdings unschön sind und ihre Entfernung darum als wünschenswerth erscheinen dürfte..."

Darauf allerdings ließen sich die Stadträte nicht ein.

Noch ein weiteres Mal mußte sich die Mariensäule gegen den herrschenden Zeitgeschmack behaupten: Anläßlich der umfangreichen Restauration 1956 wurden Stimmen laut, das Eisengatter zu entfernen:
 
... Schuld war die für Jahre entfernte Umfriedung der Säule, die das Bauwerk in neuem Licht erscheinen ließ. Die „unschönen Heiligen" jedoch verunstalteten nicht mehr das harmonische Bild. Zeitungsumfragen gaben den allgemeinen Wunsch auf Weglassung des Gitters zu erkennen, und selbst der Stadtrat war nicht mehr in der Lage, das Begehren mit einem kurzen Satz abzuhandeln. Die sich über fünf Jahre hinziehende Diskussion neigte sich mehr und mehr zugunsten der Neuerer; doch Denkmalschützer und Kreisheimatpfleger waren sich einig in der Ansicht, die alte Form zu erhalten. Die knappe Stimmenmehrheit im Stadtrat bestätigte sie .... Die Entscheidung veranlaßte den Vorstand des Historischen Vereins Freising zur Abfassung eines Dankschreibens an den Oberbürgermeister: „Mit großer Freude haben wir gesehen, daß die Mariensäule wieder ihre alte Umschrankung erhalten hat..." Streng genommen müßte sie ein Marmorgatter sein. Ohne Kandelaber.

 

Barrikaden aus Stein

Daß Stadtmauern zum Schutz gegenüber feindlichen Heerscharen, oder ganz allgemein gegen unerwünschtes Volk von außen errichtet wurden, ist bekannt. Weniger geläufig dürfte sein, daß sie auch zur Disziplinierung der eigenen Stadtbevölkerung dienten. Tagsüber fand an den Stadttoren eine eingehende Kontrolle aller passierenden Personen in beiden Richtungen statt, ab dem zeitigen Abend und natürlich nachts war das Verlassen der Stadt oder die Einreise überhaupt nicht, allenfalls mit Sondergenehmigung möglich. Wer sich also außerhalb der Stadt verspätet hatte, mußte bis zur morgendlichen Toröffnungszeit ausharren – oder ...

Von der Auflehnung der Einwohner Freisings gegen diese als unzeitgemäß empfundenen Gängelungen handelt dieses Kapitel.

Hier ein Auszug:

... Dokumente von 21. Juni 1686 berichten von einem Mathias Hueber, Ratsmitglied und Lebkuchenbäcker, der zu einer Strafe von 100 Reichstalern verurteilt wurde, weil er ohne Wissen der Regierung eine Tür in die sein Haus berührende Stadtmauer gebrochen hatte. Das sich vom Veits-Tor bis zum Ziegel-Tor erstreckende Grabengrundstück war ihm zuvor mit bischöflicher Bewilligung als Freistift vermacht worden. Es lag nahe, daß er sich zu diesem vor seinem Haus liegenden Grundstück einen Durchgang schuf.

Die unverhältnismäßig hohe Strafe läßt darauf schließen, daß hier ein abschreckendes Beispiel demonstriert werden sollte. Mit außerordentlicher Strenge bestanden die Gebieter auf dem Domberg darauf, „... daß er nit allain angeregte Straff von dato an innerhalb acht Tagen zu der hochfürstL Hofcammer unfehlbar erlegen, sondern auch die herausgebrochene Thür bey Vermeidung weitheren ernstlichen Einsechens alsbalden widerumben vermauern und zumachen lassen solle..."

Die harte Strafe verfehlte ihre Wirkung nicht. Türdurchgänge an der Stadtmauer entstanden in den nächsten Jahren keine mehr. Dafür aber vergrößerten sich die Fenster in der Außenmauer auffallend.

Der Obrigkeit blieb solches nicht verborgen. In Briefen von 1687 und 1689 verwunderte man sich zunächst über die vielen „... sich allhir aufhaltenden unansessigen Manns- und Weibspersohnen. ..", und verschärfte die Anweisungen an die Torwachen. Dann aber stieß man auf die neue Spur. Der Bischof hatte die Erfindung entdeckt: „... haben wür beinebens vernemen müssen, wesgestalten bey underschidlichen Behausungen auf dem Graben die Fensterstöckh, weillen selbige ganz liderlich, und ohne daß selbige mit eisernen Zwerchstangen versechen, in der Mauer verfestigt und eingemacht seyn sollen, also gleich völlig ausgehebt und also bey Tag und bey Nacht frey und ungehindert ein- und ausgestigen werden khönne..." Diese Erkenntnis führte zu einer eilig einberufenen Visitation „... von dem Veiths- bis zum Muhrn-Thore hiniber bey allen und iedem an deme Graben ligenten Behausungen..."

Am 11. Mai 1700 fand die Inspektion statt. Hierbei erwies sich, daß der Bedarf der Bürger an privaten Durchgängen unerwartet groß war: Allein 27 Behausungen wurden beanstandet. „... Georg Fäderl, Leineweber, hat ain ausgebrochenes grosses Loch, durch das man firglich aus und einschlipfen khann...", heißt es in dem Protokoll. Ebenso benötigte der „Cussterer auf dem Gottesackher" ein grosses unversichertes „Ladtenfensster". Manche neigten auch zu Übertreibungen, so des „Mathiassen Hällmayrs Nachtwächters Wittib...", die gleich „... vier offene Fensster und Löcher..." beanspruchte, „...wodurch man ohne ainzige Beschwer aus- und einzuschlüpfen vermag..." An Ort und Stelle wurde den Betreffenden die unverzügliche Reparatur zur Auflage gemacht, und „... daß sye die erfundtenen Mengl bis heuet 8 Tag wendten sollen, mit dem Anhang, daß, wenn sye disem under solcher Zeit nit nachkhommen und ain solches sich bey weiterer Visitation befindten würdte, man nit nur iedes seines Saumbsalls halber straffen, sondern auch die Reparation auf deren Uncossten vornemen werde..."


Die zwei Monate später angesetzte Nachbeschau brachte den gestrengen Moralbewahrern im wesentlichen zufriedenstellende Ergebnisse. Freilich bei fünf der beanstandeten Behausungen konstatierte man unveränderte Verhältnisse; auch des „Nachtwächters Wittib" hatte die behördlichen Auflagen nicht so ernst genommen. Diesen Personen wurde die „... alsbaldige Wandlung nochmahlen aufgetragen..., wobei dies, wie man später nachgesechen, auch repariret worden..."

Kaum aber waren die gerade erkannten Schlupflöcher verstopft, eröffneten sich an anderer Stelle unversehens neue Möglichkeiten, so daß man seit dieser Zeit von einem ungewöhnlichen Verfall der äußeren Bürgerbauten und der Stadtmauer sprechen kann.

Auf dem Domberg verfolgte man dies mit wachsender Sorge und bemühte sich, dem verschwiegenen Abbruch durch ständig neue Auflagen und Inspektionen zu begegnen. Trotz dieser Mühe indes zeigten sich kaum zwei Jahre später weiterhin dergleichen „... schlecht versicherte Fensterstöckh in denen Cammern, Khellern und Stallungen,... daß man gar leicht und bequemb solche ausheben und sich des haimblichen Aus- und Einsteigens bedienen khönne..."

Die Ringmauer am Graben hat man in diesen Jahren von behördlicher Seite aus ganz besonders betreut. Hatte man hier zunächst auch einige Erfolge zu verzeichnen, so ergaben sich doch bald unvermutet neuerlich Öffnungen nahe dem Isar-Tor, ja selbst beim Steinmüller am Münchner-Tor „... bestund ainige Gefährlichkeit..." Es half nichts. Trotz ständiger Überwachung, trotz partieller Erhöhung der Stadtmauer, trotz verschärfter Strafandrohung: Die Bürger ließen sich nicht beirren.

Ein weiteres Visitationsprotokoll von 1710 zeigt, daß sich zwischenzeitlich nichts wesentlich geändert hatte: „... negst dem Isar-Thore" konnte man durch des „Leithners Hinderhaus-Thire die Statt ganz ohne Miehe besuchen ...", weiter hatte der „Balthasar Reinhardt, Schmid zunegst dem Zigl-Thor aber in seinem Kheller ain grosses und recht ordentlich gemachtes Schlupfloch,... wordurch man sich ganz bequem des Aus- und Einschlüpfens bedinen khann, gestalten denn auch der gemainen Redt nach diser Schlupf schier teglich besucht und practiciret werdten solle..." Zu allem Überfluß fiel den diensteifrigen Herren wiederum eine Witwe auf, die sich nicht vor heimlichen Besuchern fürchtete." ...

 

Vom Abbruch des Münchner Tores

Nur einmal in der Geschichte Freisings haben die Stadttore eine Probe ihrer Wehrhaftigkeit ablegen müssen; keines überstand die Prüfung. Nicht äußere Feinde allerdings bezwangen sie — vielmehr erfolgte der Ansturm vom Stadtinneren her, und diese Stoßrichtung hatten die ehemaligen Baumeister nicht bedacht. Wie sollten sie auch. Immerhin widersetzte sich das stärkste und schönste der Tore, das Münchner Tor, den massiven Angriffen fast vierzig Jahre lang, ehe es brach, und zweimal halfen Feuersbrünste kräftig mit.

Verkehrsbereinigung und Stadtverschönerung — so wurde dieser Feldzug genannt; dem Verkehr sollte noch so manches an alter Tradition geopfert werden. Erst vor wenigen Jahren erkannte man, welchem Ziel man nachlief. Seitdem versucht man eine Rückbesinnung und gesteht zögernd die Fehler der Vergangenheit ein. Sichtbares Zeichen hierfür ist, daß das Münchner Tor und größtenteils auch die übrigen Tore heute wieder an den Stellen stehen könnten, an denen sie einst standen — ohne den Straßenverkehr oder die Fußgänger zu behindern.

Vorgeschobene Gründe für die oftmals überstürzten Abbruchgesuche waren es zumeist, mit der die bayerische Staatsregierung in München zur Zustimmung genötigt wurde. Doch nach den ersten genehmigten Anträgen forschte die Regierung genauer nach und ließ sich fortan nicht mehr so leicht überlisten. Bei den Abbruchanträgen für das Münchner Tores wurde der Freisinger Stadtrat sogar ungewöhnlich hart gemaßregelt. Strafandrohung bei ferneren Widersetzlichkeiten stellte man in Aussicht.

Hier ein Auszug aus dem Kapitel:

Königlichen Besuch erwartete die alte Stadt. Bereits in Marzling zeigte sich „... das thätigste Streben, dem theuren Landesvater wohl zu gefallen. Drey Triumphbögen schmückten dieß Dorf, nach festlicher Weise waren das Schulhaus und andere Häuser geziert, und der Lehrer mit der ländlich prangenden Jugend, der Gemeindevorsteher, und die zahlreich versammelten Bewohner dieser Ortschaft fühlten sich höchst beglückt und belohnt in ihrem Eifer, indem der gute Landesvater stille hielt...'"

Die enthusiastische Schilderung des Freisinger Tagblattes vom Besuch König Ludwigs I. verstieg sich zu wahrem Begeisterungstaumel, als der „gute Landesvater" weiter in Richtung Freising zog. Festlich geschmückt und ebenfalls wohlvorbereitet auf den seltenen Gast zeigte sich die altbayerische Bischofsstadt, die allerdings keine teuer errichteten Triumphbögen zu bieten hatte. Die brauchte man auch nicht: Freising besaß Stadttore genug. Das nächstgelegene war das Landshuter Tor: „Unter dem lautesten Jubel und dem Klange aller Glocken wurde Er, der Heißgeliebte empfangen. Am Stadt-Thore, das des Festes würdig geschmückt war, bezeigte der Herr Stadtkommandant dem hohen Herrscher seine Ehrfurcht, und begleitete, neben dem Schlage reitend, Denselben, der langsamen Schrittes unsere Stadt durchfuhr, damit die lieben Kinder ihren Vater leichter und länger erblicken könnten, bis zum Thore, das nach der Residenzstadt führt..." Vorher jedoch passierte der festliche Zug das Rathaus, dessen Fassade mit einem besonderen Willkommensgruß geziert war:

„Ludovico I Bavariae Regi, Restauratori Frisingae, grata civitas. 30. Junii 1826".

Die Begeisterung, mit der man den König vor allem als Bewahrer alter Traditionen feierte, ist in den Folgejahrzehnten zumindest im Rathaus der Stadt merklich verhaltener geworden. Wie konnte man auch wissen, daß der bayerische Herrscher die Freisinger Wünsche so wörtlich nehmen würde. Vorerst freilich hatte man anderes im Sinn. Kaum waren die farbenfrohen Blumengirlanden ein wenig in Vergessenheit geraten, traf man Vorsorge zu einer dauerhaften Stadtverschönerung. Am Landshuter Tor begann man: „... die Kommune Freising wünscht das sogenannte Judenthor dortselbst, welches in seinem dermaligen Zustande nicht geschlossen werden kann, und seiner üblen, sehr beengten Bauart wegen bei der sehr frequenten Passage von Landshut her einen großen Mißstand bildet, abzubrechen und in einem geschmackvolleren Style, in größerer Breite wiederherzustellen. Die Gemeindebevollmächtigten, der Magistrat und das königl. Landgericht stimmen hinsichtlich der Zweckmäßigkeit dieser Abänderung vollkommen überein, und jeder, welcher Gelegenheit hatte, dieses Thor zu Gesicht zu bekommen, wird um so mehr diese Ansicht theilen müssen, als dasselbe weder in historischer noch in architektonischer Hinsicht den mindesten Werth zu behaupten vermag..."

Durch die Bereitschaft des Magistrates von Freising, ein neues Tor an Stelle des alten zu setzen, sah die Kammer des Inneren keinen Grund, das Gesuch abzulehnen und befürwortete es trotz des gerade erlassenen Verbotes von Abänderungen an Stadtmauern und Stadttoren. Auch das Kriegsministerium hatte nichts einzuwenden „insofern statt des sehr beengten Judenthores 

zu Freysing die Erbauung eines neuen Thores auf derselben Stelle und in unmittelbarer Verbindung mit der vorhandenen Stadtmauerin Vollzug gesetzt werde..." So konnte das Tor wohl noch im Sommer 1827 abgebrochen werden.
Es ist schwer zu beurteilen, ob sich die im Gesuch angeführte sogenannte Stadtverschönerung mehr auf den Abbruch öder den Neubau des Tores bezog. Spätere Abbruchgesuche sind da eindeutiger; denn stets wird Abbruch mit Verschönerung gleichgesetzt. In diesem Falle mag es vielleicht noch anders gewesen sein. Unbestreitbar ist jedoch, daß die Verschönerung der Passage mit dem Bau eines neuen Tores bis zum heutigen Tage nicht erfüllt wurde..



Die Gründe hierfür sind nicht ohne weiteres erklärbar und erscheinen nur dadurch plausibel, daß die Staatsregierung den Vorgang in der Folgezeit „vergaß" und der Magistrat von Freising ohnehin keinen sonderlichen Wert auf die Einlösung dieser Verpflichtung legte.

Zwölf Jahre lang hat man von weiteren Abbruchgesuchen Abstand genommen; dann ergab sich unversehens die Gelegenheit, sich von dem zweiten Tor zu trennen, durch das König Ludwig I. gezogen war ...



 

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