Wolter v. Egan-Krieger

Zwischen Weitsicht und Widersinn

Theodor Freiherr von Hallberg-Broich

Eine Lebensbeschreibung

ISBN 978-3-8334-9826-8

288 Seiten mit Abbildungen in SW und Farbe
Herstellung und Verlag: Books on Demand GmbH,
Norderstedt


In dieser historischen Abhandlung wird der Versuch unternommen, chronologisch und anhand der reichlich vorhandenen Archivalien, die Ziele dieses Mannes und sein Handeln im seinerzeitigen Umfeld verständlich zu machen: Der Freiherr als glühender Patriot, der Kämpfer für Freiheit und Gerechtigkeit, der engagierte Anwalt für Arme, der Koloniegründer; schließlich der skurrile Sonderling. Seine zahlreichen von ihm verfaßten Bücher, die zwar mehr oder weniger der damaligen Zensur zum Opfer fielen, heute hingegen als seltene Originale allgemein zugänglich sind, ließen ebenso Rückschlüsse auf seine Person zu wie der behördliche Schriftverkehr anläßlich und während der Gründung des Ortes Hallbergmoos.
Um die Widersprüchlichkeit seiner Person verständlich zu machen, wurde das Buch in zwei Teile untergliedert: Den chronologischen Lebenslauf Theodor Freiherr von Hallbergs, und in einem Ergänzungsteil seine Ansichten zu Zeiterscheinungen wie Modetorheiten, Armenwesen, Kunst etc. Gleichfalls zusammengestellt wurden hier seine aufsehenerregenden skurrilen Streiche und deren Wirkung auf die Öffentlichkeit.


Theodor Freiherr von Hallberg, der vor allem unter seinem Pseudonym als ‚Eremit von Gauting’ bekannt wurde, ist heute weitgehend vergessen. Zwar erschienen seit seinem Tode zahlreiche Veröffentlichungen über ihn und sein Wirken, doch keine dieser Der junge Hallberg als JägerVeröffentlichungen kann in Anspruch nehmen, die dunkel gebliebenen Lebensabschnitte dieses Mannes ausgeleuchtet, geschweige die Motive seines Wirkens erhellt zu haben. Überwiegend stützen sich die bisherigen Abhandlungen auf Johannes Gistels Hallberg-Biographie: ‚Leben des preußischen Generals Freiherrn von Hallberg-Broich’, die 1863 in Berlin erschien. Diese Beschreibung besitzt allerdings nur bedingte Glaubwürdigkeit, ganz abgesehen von den verwirrenden Nebenverweisen auf Parallelen, mit denen Hallberg nichts zu tun hat. Allein der Titel zeigt bereits, wie bedenkenlos Gistel mit der Person des Freiherrn umging, denn Hallberg war nie preußischer General. Was allgemein bekannt war und allenfalls Fremden nicht geläufig, hätte er als Nahestehender unbedingt wissen müssen. Ähnlich großzügig ging Gistel auch mit dem übrigen Stoff um, und ich mußte im Laufe meiner Nachforschungen feststellen, daß viele seiner Darstellungen und Deutungen nicht durch Nachlässigkeit allein entschuldbar sind.
Um es vorweg zu sagen: Gerade die reißerischen Begebenheiten aus Hallbergs Leben wie die sogenannte Taubenschlaggeschichte und der anbefohlene Fenstersprung seiner Frau sind durch nichts anderes belegt, als durch Gistels Schilderung. Weder in der bayerischen Presse, noch sonst finden sich Hinweise darauf. So sollte es eigentlich nachdenklich stimmen, der Aussage eines bereits damals umstrittenen Chronisten dermaßen bedingungslos zu vertrauen. Dennoch findet sich in der ‚Allgemeinen Deutschen Biographie’ von 1968 unverändert die Behauptung: Die arme Frau, welche unter den seltsamen Eulenspiegeleien Hallberg-Broichs eine unwürdige Behandlung erlitt, starb ... an den Folgen eines Sprunges aus dem Fenster, welchen ihr Gemahl als Zeichen ihrer Liebe gebieterisch verlangte ...
Die fragwürdige Äußerung eines Einzelnen haftet dem Freiherrn seit jener Zeit an, mehr als alles andere, und sie bestätigt eindrucksvoll die These von der Unauslöschbarkeit des einmal geschriebenen Wortes.
Gänzlich andersgeartet sind die Aufzeichnungen Künßberg-Thurnaus, eines Enkels des Freiherrn, der den Greis bis zum Tode betreute und die noch vorhandenen Unterlagen posthum in Buchform herausgab. Für die nüchterne Darstellung des Lebenslaufes Hallbergs und die umfassenden Verweise auf Quellenmaterial kann Künßberg-Thurnau nicht genug gedankt werden. In diesen Schriften hört man Hallberg selbst unverfälscht, da der Herausgeber als naher Verwandter, wie er selbst einräumte, nicht durch eigenes Zutun in den Verdacht der Parteinahme geraten wollte. In all ihrer Nüchternheit und zwangsläufigen Unvollständigkeit sind diese Aufzeichnungen weitaus wertvoller, als jene Gistels, der den Freund Hallberg zunächst aushorchte, um ihn dann zu mißbrauchen.
Wenige Wochen, allenfalls Monate nach dem Tode Hallbergs im April 1862 gab Künßberg-Thurnau die nachgelassenen Schriften heraus, und dieses rasche Erscheinen läßt vermuten, daß das Manuskript zum Zwecke der Veröffentlichung lange vorbereitet, wenn nicht gar fertiggestellt war. Die Zurückhaltung des Herausgebers, die nicht nur im Vorwort, sondern auch in dem unkorrigierten Nebeneinander der hinterlassenen Papiere zum Ausdruck kommt, läßt jedenfalls den Schluß zu, daß nach dem Ableben des Greises nichts von Belang hinzugefügt wurde. Insofern kann dieser Nachlaß als letzte autorisierte Fassung Hallbergs gelten. Dies gilt um so mehr, als die etwa dreißig Jahre zuvor Freund Gistel zur Veröffentlichung übergebenen biographischen Notizen aus Hallbergs Hand nicht im Original erhalten geblieben sind. Entstellt wiedergegeben, in der chronologischen Abfolge durcheinandergebracht, eignen sie sich nur bedingt zur Auswertung.
Vielleicht hat Hallberg das geahnt. Die einstmals freundschaftlichen Bande zu Gistel dürften zuletzt kaum noch bestanden haben, und so mag der Freiherr seinem Enkel zur baldigen Veröffentlichung geraten haben. Und das zu Recht. Denn abgesehen von der erniedrigenden Art, mit der Gistel den einstigen Freund posthum bedachte, sind viele seiner Darstellungen mit jenen aus den hinterlassenen Papieren Hallbergs unvereinbar. Hierzu ist noch weitaus mehr zu sagen, so daß ich mich entschloß, Hallbergs Biographen allgemein und Gistel besonders ein eigenes Kapitel zu widmen.
Aus den dargelegten Gründen griff ich nur ausnahmsweise auf die biographischen Aufzeichnungen Gistels zurück; ausführlicher dagegen auf die zahlreichen Presseartikel, in denen sich der weitaus jüngere Freund dem älteren Hallberg seinerzeit andiente und jenen mitunter regelrecht in den Himmel hob.
Innerhalb meiner Recherchen habe ich zwar manches Dunkel im Lebenslauf Hallbergs zu lichten vermocht und bin überraschend auf unerwartete Abenteuer gestoßen, – ein überzeugendes Gesamtbild von ihm zu zeichnen gelang mir allerdings nicht. Es schien im Gegenteil eher so, daß sich die Person des Freiherrn mir um so mehr entwand, je mehr ich über sie erfuhr. Mehr Zeugnisse zogen eben auch mehr Widersprüche nach sich. Erschwerend kam hinzu, daß diese Zeugnisse keineswegs kontinuierlich über sein langes Leben verteilt sind. So gibt es so gut wie keine Aufzeichnungen über die ersten vier Jahrzehnte seines Daseins, dafür erstickt man förmlich in Selbstzeugnissen des Fünfzig- bis Siebzigjährigen. In der Endphase seines Lebens wiederum nahm kaum noch jemand Notiz von ihm; lokale Randnotizen in der örtlichen Presse zeigen sehr vereinzelt an, daß Hallberg noch lebt.
Unverständliche und nichtssagende Äußerungen ergaben im Zusammenhang mit dem aktuellen Zeitgeschehen, mit früher geäußerten Zielsetzungen oder mit späteren beiläufig hingeworfenen Nebensätzen plötzlich Sinn. Einem zeitgenössischen Chronisten Hallbergs hätten sich bei der Auswertung seiner hinterlassenen Papiere weitaus weniger Hindernisse entgegengestellt. Künßberg-Thurnau hoffte auf diesen Chronisten, für den er das Vermächtnis des Greises zusammenfaßte. Den anderen, durch seine Originalitäten weitaus bekannteren Hallberg, überließ er hingegen gern denjenigen, die durch ihre schwunghafte, poetische Feder das Interesse noch mehr zu erhöhen wissen.
Den zeitgenössischen Chronisten gab es nicht. Infolgedessen erscheinen viele der rekonstruierten Zusammenhänge zwar plausibel, sind aber nicht absolut sicher. Das ist der Preis für Versäumtes.
Durch die Zugriffsmöglichkeiten, die uns inzwischen zur Verfügung stehen, sind wir in der Lage, an Archivalien, Geheimdokumente, überhaupt an Schrifttum heranzukommen, das den Zeitgenossen mit Sicherheit verschlossen blieb. Verloren ging uns dafür der geschichtliche Rahmen, in dem sich das damalige Geschehen vollzog. Zum Verständnis der seinerzeitigen Vorgänge und deren Bewertung mußte dieser Rahmen wiederhergestellt und zumindest andeutungsweise mitgeliefert werden. Auf diese Weise ließ sich Hallbergs chronologischer Lebensablauf weitgehend rekonstruieren, seine widersprüchliche Persönlichkeit hingegen nicht. Sein Denken und Planen, Ungereimtes und Rätselhaftes wurde daher in Form thematisch zusammengefaßter Einzelbilder gesondert angefügt – auf der Grundlage seiner eigenen Worte. Diese Bilder zeigen die Vielfalt und Zerrissenheit seines ganzen Wesens in dermaßen verwirrender Weise, daß die Wertung dem Leser anheimgestellt bleiben muß.
Den Charakterisierungsversuchen seiner Mitmenschen entzog sich Hall­berg schon damals. Das lag auch daran, daß seine Zeitgenossen, ein­fache Leser, Mitstreiter oder auch Freunde, ausnahmslos Fragmente seines Lebensweges zu sehen bekamen. Nur wenigen war ein Blick über sein augenblickliches Betätigungsfeld hinaus vergönnt: Der Ko­lonie­grün­der in Bayern und der militärische Kämpfer am Rhein waren schlicht unvereinbar miteinander. Hallbergs Vergangenheit blieb der bayerischen Bevölkerung weitgehend verschlossen, vielleicht geheimnisumwittert; undenkbar auch für alte Kampfgefährten, daß der agile Landsturmhauptman­n stillschweigend die politische Bühne verlassen haben sollte, um den Blick auf versumpftes Terrain zu heften. Als konspirativer Abenteurer im politischen Bereich der europäischen Großmächte war er sogar im Rheinland weitgehend unbekannt, – geschweige denn, daß man dem friedfertigen selbsternannten Eremiten in der ländlichen Gautinger Idylle Gefängnisaufenthalte in Paris und London zugetraut hätte. Und daß er den preußischen Gefängnissen knapp entgangen war, wußten ohnehin nur am Geschehen Beteiligte.
Nicht anders verhielt es sich mit seinen zahlreichen Buchveröffentlichungen. Seine im Rheinland verlegten Bücher blieben in Bayern unbekannt, viele seiner in Süddeutschland herausgegebenen ebenfalls. Die Zensur verhinderte die Verbreitung, oftmals gar das Erscheinen. Das geschah dermaßen gründlich, daß mitunter nur der Titel eines Buches überlebte.
Keinesfalls für die Öffentlichkeit bestimmt war das Bild, das der Freiherr in seinem Schriftverkehr mit Regierungsstellen hinterließ. Kurioserweise fand er gerade im engen Kreis der Beamtenschaft oftmals verhaltene Zustimmung. Grenzübergreifend dagegen war seine skurrile Originalität. Das Heiratsgesuch im hohen Alter ließ den Freiherrn weit über Deutschland hinaus zum Tagesgespräch werden. Über Nacht kannte ihn jeder. Doch eben nur den skurrilen Hallberg.
Als unzeitgemäß wertete man seine politischen Bekenntnisse, die nach der Revolution 1848 auf völlige Verständnislosigkeit stießen. Und damit stellte er nicht nur seine Zeitgenossen vor Rätsel. Nach wie vor ist der ‚politische’ Hallberg kaum faßbar: Als Anhänger der absolutistisch geprägten Staatsform trat er gleichfalls für Selbstverwaltung und Verfassung ein. Hallberg demaskierte die preußische Politik und brüskierte damit den preußischen König, doch verstand er sein Handeln als Dienst am Vaterland. Sein Tun richtete sich gegen den unguten Einfluß königlicher Ratgeber. Die Person des Königs blieb somit unbehelligt. Auf bayerische Verhältnisse war das freilich nicht anwendbar. Die Landespolitik bestimmte König Ludwig I. vor allem in eigener Person, und diese Entscheidungen fielen oftmals nicht im Sinne Hallbergs aus: Die Pressezensur, die Konfiszierung seiner Bücher, und letztlich der königliche Gnadenweg anstatt solider Besiedelungspolitik. Zweifel am bayerischen Monarchen kamen Hallberg dennoch nicht, wohl aber an den Liberalisierungsbemühungen der Ständeversammlungen.
Stellvertretend für die Unfaßbarkeit seiner Person sei aus der ‚Neuen Deutschen Biographie’ von 1974 zitiert: Die Abenteuer und Seltsamkeiten im Leben von Hallberg, die Vielzahl und Mannigfaltigkeit seiner Unternehmungen und Absichten, seine ständig und sprunghaft wechselnden Anschauungen lassen sich kaum auf einen gemeinsamen Nenner bringen. Allenfalls könnte man ihn als einen – nebenbei auch schriftstellernden – verschrobenen Welt­bürger aus Charakterschwäche, aus Egoismus, Opportunismus und Geltungssucht bezeichnen, bei dem sich freilich auch Strö­mungen seiner Zeit übersteigert wiederfin­den: biedermeierliche Eigenbrötelei und fau­stischer Tätigkeitsdrang, Europamüdigkeit und Exotismus.
Schwer zu unterscheiden ist darüber hinaus, wie häufig er sich, von seiner Umgebung bedrängt, in bestimmte Rollen flüchtete. Als Simplex hat er sich bezeichnet, er setzte sich eigenhändig die Narrenkappe auf und hielt der Gesellschaft den Spiegel vor. Das geschah anläßlich seiner berühmt-berüchtigten ‚Gautinger Adresse’, als ihn die Wogen einer darüber verstörten Öffentlichkeit zu ersticken drohten. Selbst die Flucht unter die Narrenkappe konnte nicht mehr überzeugen; zu weit lag der Narr neben der Wirklichkeit. In unterschiedlicher Verkleidung trat er auf und legte doch alles schnell wieder ab. Vielleicht ist das Bild des Ritters von der traurigen Gestalt noch das treffendste. Vergeblicher Kampf gegen Windmühlenflügel, ausgelöst gleichermaßen von absur­den eigenen Vorstellungen wie mangelnder Weitsicht anderer.
Wie ein roter Faden durchzieht das Streben nach einer besseren Welt sein Leben. Die Beseitigung der Armut in der zivilisierten Gesellschaft wurde regelrecht zur Mission. Seine Zielvorstellungen entstanden freilich weniger aus systematischen Studien, sondern viel mehr aus momentanen Eingebungen, wie manche seiner Notizen verraten: Ich ließ ein­spannen und fuhr längs einem Arm der Donau mit pestilenzialischem Sumpf, den ich austrocknen und der Kultur gewinnen ließe; alle armen Mädchen müßten mir mit Haus und Hof, guter Kleidung, Land, Kühen und Wiesen und dem nöthigen Geld dotirt, heirathen, und so würde ich anstatt Bronzebilder, Gemälde und Steinhaufen zu schaffen, die Welt fröhlich und lebendig machen ...
Diese Zeilen schrieb nicht etwa der zwanzigjährige Hallberg, sondern der siebenundsiebzigjährige. Aus demselben Jahr datiert eine Notiz, mit der Hallberg Kritik an seinen Büchern abwehrte: Die Rezensenten geben mir die schöne Lehre, daß ich meine Länderbeschreibungen nicht systematisch nach Art aller Reisebeschreibungen mache ..., ich schriebe alles durcheinander, ganz ohne wissenschaftliche Bildung ... Aber ich bleibe meiner Art zu schreiben treu, weil ich die Pedanterie verabscheue und das Alltägliche ... gern den Neulingen überlasse ...
Derartige Aussagen, übertragen auf seine Projektierungen, mußten ohne pedantische Vorarbeit unausgereift wirken, und die Vernachlässigung banaler Alltäglichkeiten konnte unabsehbare Folgen haben. So blieb es nicht aus, daß Hallbergs Konzepte nie restlos überzeugten. Am Detail schieden sich die Geister.
Bereits seine Kinder- und Jugendzeit war durch auffallende Rastlosigkeit bestimmt: Kaum drei Jahre Gymnasium, dann in frühester Jugend soldatische Ausbildung; wenige Monate Gasthörerschaft in diversen Universitäten. Mit fünfundzwanzig Jahren hatte er sich Einblicke in alle Welt verschafft. Im Gegensatz zu den berühmten Forschungsreisenden war das Reisen bei ihm freilich eher ein spontanes Umherirren denn ein zielgerichtetes Tun. Ein pures Sammeln von Meinungen und Eindrücken. Schließlich hatte er den Horizont eines Vielgereisten, – ohne sich ein eigentliches Betätigungsfeld geschaffen zu haben. Die Ideenvielfalt Hallbergs, seine Visionen, standen in keinem Verhältnis zu seinem Ver­mögen, gewachsene Zusammenhänge grundlegend zu begreifen und deren Reformierung auf Machbares zu beschränken. Das allein aber wäre noch nichts Besonderes gewesen. Erst eine weitere Eigenschaft machte ihn zu einer tragischen Figur: Seine unglaubliche Willens- und Tatkraft, die ungezügelt gelassen, vermutlich Schlimmes bewirkt hätte. Damit zwang er die Gesellschaft, ihn zu beachten.
Das Urteil über ihn in der ‚Neuen Deutschen Biographie’ dürfte einige Berechtigung haben, wenn es darin heißt, seine wirre Denk- und Ge­mütsart rührte daher, daß er über seine mangelhafte Bildung hinwegtäuschen wollte.
Die solide Grundlage eines Wissenschaftlers fehlte ihm, Einzelheiten, geschweige denn Widersprüchlichkeiten seiner Ideen, nahm er nicht zur Kenntnis oder bagatellisierte sie. Hindernisse pflegte der Freiherr durch kurz entschlossene Sofortmaßnahmen zu beseitigen, ohne die Belange Betroffener zu schonen. Das ging allenfalls im militärischen Bereich, und auch dort nur bedingt. Sein pragmatisches Vorgehen in Siegburg anläßlich des Durchmarsches der russischen Verbündeten, das ihm von allen Seiten Anerkennung eintrug, wurde denn auch geradezu zu einem Muster für seine späteren Vorhaben. Kurz mußte der Lösungsweg sein und unmittelbar sichtbare Früchte tragen. Der Preis dafür war zweitrangig. Übertragen auf Friedenszeiten in einer Gesellschaft mit erwachendem politischen Selbstbewußtsein konnte ein solches Modell freilich nur Kopfschütteln hervorrufen. Das absolutistische Zeitalter gehörte der Vergangenheit an. Nur der Krieg rechtfertigte Ausnahmen. Doch selbst im militärischen Bereich haftete dem Tun des Feldobristhauptmanns des Landsturmes vom Rhein stets das Fluidum des Abenteurers an, das er nie abzustreifen imstande war.
Dagegen ist die geäußerte Ansicht von Schaehle, der ungeheuren Schaffenskraft Hallbergs habe das angemessene Tatfeld gefehlt, sicher absurd. Hallberg lebte in einer Zeit, in der vielmehr ungeheure Umwälzungen stattfanden, die Betätigungsfelder noch und noch boten. Er erlebte die Französische Revolution und ihre gesellschaftlichen Turbulenzen, den napoleonischen Sturm über Europa, die Befreiungskriege, die Restauration und schließlich die Revolution 1848; militärisch, politisch, ganz zu schweigen von den immensen sozialen Aufgaben, die anstanden. Es lag vielmehr an ihm selbst, daß er seine Glaubwürdigkeit in Frage stellte, indem er durchaus anerkennenswerte Denkanstöße mit Absurdem vermengte – und beides gleichermaßen ernsthaft vertrat.
Aus den Einblicken in fremde Kulturen und seinem Wissen über politische Zusammenhänge resultierten Ansichten, mit denen Hallberg das Interesse der Machthabenden wecken konnte. Das genügte zum Empfang und zur Anhörung; zu mehr allerdings nicht. Die wenigen Zeugnisse aus Zusammenkünften und Korrespondenz mit Staatsoberhäuptern sprechen eine deutliche Sprache. Obwohl seine politischen Verbindungen weitverzweigt, die höchsten Machtstellen in Europa ihm erreichbar waren, blieb er ohne erkennbaren Einfluß; kurze, im Grunde nichtssagende Augenblicke auf höchster politischer Ebene. Vermutlich trat er mit Intellektuellen, Militärexperten oder Reformern wie Arndt, Gneisenau, Hardenberg oder Stein nur flüchtig in Verbindung. Auf französischer Seite war es nicht anders: Angesicht in Angesicht stand er Napoleon nie gegenüber, möglicherweise den Brüdern des französischen Kaisers und einigen seiner Marschälle. Doch allen damals bekannten Größen, vor allem aber den gekrönten Häuptern Europas war er ein Begriff – ob nun als geschätzter Ratgeber, Abenteurer oder unbequemer Mahner.
Was ihm europäische Höfe verwehrten, bekam er im Osmanischen Reich zur Genüge. Hier fand er ein rückständiges Imperium mit veralteten feudalen Strukturen, das einer dringenden Reformierung bedurfte. Europäische Militärberater wurden willkommengeheißen in einem Land, das hinter der modernen Kriegs- und Waffentechnik hoffnungslos in den Rückstand geraten war. Das einstmals so mächtige und gefürchtete Osmanische Reich stand im Begriff, zum Spielball französisch-russischer Imperialpolitik zu werden. Um so mehr wog der Rat eines Napoleongegners, dem beste Verbindungen zu europäischen Herrscherhäusern nachgesagt wurden. Der Bey von Tunis schätzte Hallberg und sein Wissen und tat alles, ihn am Hof zu halten. Bei den Bassas von Skutari und Belgrad fand er gastliche Aufnahme – ohne daß man freilich seinen Planspielereien zur Eroberung Italiens und Korsikas nachzukommen ver­mochte. Jahrzehnte später erwies der Freiherr dem eigenwilligen türkischen Statthalter und Vizekönig Mehmed Ali in Ägypten seine Reverenzen – und wurde ehrenvoll empfangen; der Sultan von Konstantinopel war ihm gewogen, und als Sechsundsiebzigjähriger fand Hallberg die Gunst des Kaisers von Persien, der ihn ebenfalls zu dauerhaftem Bleiben zu überreden suchte. Sein Betätigungsfeld aber sollte in Mitteleuropa bleiben – ungeachtet aller Verlockungen im Orient.
Durch seine Appelle zur Förderung des allgemeinen Staatswohls konnte Hallberg die Aufmerksamkeit weiter Bevölkerungsteile gewinnen. Die Entwässerungen von Sumpfgebieten, seine Besiedelungsvorhaben, ja selbst seine Ansichten zu Kanalprojekten lagen im Trend der Zeit. Der zunehmende weltweite Schiffsverkehr ließ nach kürzeren Handelswegen suchen, die Dampfschiffahrt eröffnete Möglichkeiten zur Passage enger Kanalwege. Merkantile Gesichtspunkte und neue Erkenntnisse auf dem Gebiet der Feldbewirtschaftung ließen die anstehenden sozialen Probleme lösbar erscheinen. Landgewinnung durch Entsumpfung und Bereitstellung von Landflächen war zu einer immer dringlicheren Aufgabe in Europa geworden, um der Abwanderung in die Neue Welt entgegenzuwirken.
Während von eigener Hand geleitete Kanalbauten für Hallberg Wunsch­denken blieben, konnte er die anderen Bereiche realisieren, wenn auch in weitaus bescheidenerem Umfang als gewünscht. Großprojekte wie die angestrebte Trockenlegung der Maremmen oder pontinischen Sümpfe Italiens zerschlugen sich zwar, doch fand er Ersatz im Erdinger Moos vor den Toren Münchens. Größenordnungsmäßig war das in keiner Weise vergleichbar, eher schon mit dem Donaumoosgebiet, dessen Trockenlegung und Besiedelungsbeginn bereits Jahrzehnte zurücklag. Während er jenes Unterfangen aber stets als Mahnmal eines gescheiterten Vollzuges ansah, verstand Hallberg die Trockenlegungsmaßnahmen Friedrichs II. in der Oderniederung und die damit verbundene Ansiedelung als Vorbild für die eigene Planung.
Es ist eine Ironie ohnegleichen, daß Hallberg sein Konzept bei diesem Unterfangen tatsächlich weitsichtiger anlegte, als die Gegebenheiten es zuließen. Nicht etwa, weil er zu einer Systematik gefunden hatte, sondern weil sein Konzept das einzige war. Es wurde verworfen, ein staatliches aber nie erstellt. So war ihm am Ende nichts vergönnt: weder Erfolg, noch Scheitern. Daher ist es Hallberg nicht anzulasten, daß sein Kolonisierungsprojekt zu einer Kopie der unglücklichen Donaumooskultivierung werden mußte. Genau diesen Vorwurf erhob man aber – mit Billigung der bayerischen Staatsführung, die dankbar den Schuldigen in seiner Privatperson ausmachen ließ und den Richtigstellungsversuchen des Freiherrn in öffentlichen Blättern die Mittel der Zensur entgegensetzte. Ein Jahrzehnt lang konnte so das eigene Versagen verborgen bleiben, und als die Pressefreiheit Wirklichkeit wurde, war Hallberg des Kampfes müde geworden. Der Achtzigjährige überließ es seiner Kolonie, den mittlerweile kaum noch zu revidierenden Vorurteilen über seine einstigen Absichten, Planungen und Ziele im Erdinger Moos entgegenzutreten. Freilich: angesichts eines neuen, nie erlebten politischen Selbstbewußtseins und einer verheißungsvollen Zukunft zeigte man kaum noch Interesse an der Aufklärung einer dunklen Vergangen­heit.
Hallberg neunzigjährig
So starb Hallberg, fernab von dem Dorf, das seinen Namen trägt, einsam auf seiner Burg Hörmannsdorf in Niederbayern, – als letzter Zeuge einer längst vergangenen Zeit. Alle hatte er überlebt: Geschwister, Ehefrau und Kinder – und zuletzt sich selbst. Vergessen von seiner Mitwelt, beladen mit dem Makel eines gescheiterten Pioniers, der nachfolgenden Generationen ein drückendes soziales Erbe hinterlassen hatte.
Als Dorfgründer mittlerweile halbwegs rehabilitiert, lebt er in heutiger Erinnerung vorwiegend als der skurrile Sonderling fort, der sein Lebensbild einem fragwürdigen Biographen verdankt.
(Einleitung des Verfassers für den ersten Teil des Buches).

Im folgenden seien hier Abschnitte aus einigen Kapiteln des zweiten Teiles durch kurzen Leseauszug vorgestellt:


1
. Meister der guten Küche

2. Hallberg und die Medizin

3. Das Heiratsinserat

Meister der guten Küche
Wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch Verstand; deshalb sagte die Königin Christine dem englischen Bischof Burnet: Es könne nichts anderes seyn, als daß die Kirche durch den heiligen Geist regiert werde, denn sie habe vier Päpste in Rom erlebt, von denen sie schwören könne, daß keiner gesunden Menschenverstand gehabt habe ...
Mit derartigen Schnurren lockerte der Freiherr sein Kochbuch für Leckermäuler auf, das freilich auch sonst keine herkömmlichen Speisen enthielt. Vielmehr bestand die darin zusammengestellte Kost aus einem Sammelsurium politischer Ansichten und bissiger Anekdoten, die unter dem unverfänglichen Titel ‚Deutsches Kochbuch für Leckermäuler und Guippees’ erschienen, um auf diese Weise die preußische Zensur zu täuschen.
Die Rechnung schien aufzugehen. Jedenfalls gelangte die Rezeptur ohne behördliche Behinderung in den freien Handel. Und bald schon galt das lukullische Werk als Geheimtip. Rezensionen in den Tages- und Wochenblättern folgten, und hierdurch erschlossen sich Leserkreise, die weit über den unmittelbar örtlichen Bereich hinausgingen. Innerhalb weniger Wochen erreichte das Buch seine dritte Auflage, und nun erst wurde erkennbar, was durch behördliche Hilflosigkeit und listenreiche Vorbereitung angerichtet worden war.
Was dem Publikum schmackhaft erschien, erwies sich für die Zensurbehörden als unverdauliche Kost, die es nun zu löffeln galt; denn das angestrebte posthume Verbot des Werkes scheiterte am Paragraphendschun­gel der Mixtur von Preußischem Landrecht und französischem Code pénal. Oder im Klartext: Die rheinländische Justiz beugte sich nicht preußischem Willen.
Zusammenstellung und Bedarf der kredenzten ‚Rezeptsammlung’ bestätigten nur allzubald die schlimmsten Befürchtungen der neuen Herren in Berlin. Ein Werk, das unbekümmert und in schonungsloser Offenheit an kaum verhallte Versprechungen erinnerte, traf genau die Volksstimmung. Selbstverwaltung und Mitspracherecht bei der Neugestaltung einer Verfassung hatte man der Bevölkerung vor gar nicht langer Zeit zugestanden, und nun flutete eine Heerschar preußischer Beamter über das Land, die einheimische Staatsdiener auf niedere Posten schoben, um die Provinzen nach Kolonialherrenmanier selbst zu regieren.
Streng genommen enthielt das Buch nichts Spektakuläres; der Freiherr hatte lediglich auf eine originelle Art mancherlei Begebenheiten im Rheinland kommentiert und mit Zeugnissen aus Höchster Hand belegt. Allgemein verständlich gehalten, bot das lukullische Werk Speisen für jeden rheinischen Gaumen.
Doch nun zu den Einzelheiten. Als Hauptmann mit unbestreitbaren Verdiensten in den Befreiungskriegen hatte Hallbergs patriotischer Eifer inzwischen erhebliche Dämpfer erfahren; mit Bitterkeit stellte er fest, daß sein selbstloser und beispielgebender Einsatz im Kriege zwar höchstes königliches Wohlwollen gefunden hatte, nach Friedensschluß jedoch sogleich in Vergessenheit zu geraten drohte. Nachhaltiger noch wirkte die fatale Erkenntnis, für eine Sache gekämpft zu haben, um die letztlich das gesamte Volk betrogen worden war. Hatte Hallberg seine soldatischen Bravourstücke stets als patriotische Selbstverständlichkeit heruntergespielt, so mochte er die neuerliche Entwicklung nicht schweigend hinnehmen. Schmackhaft aufbereitet bot er daher die politische Nachkriegsentwicklung dem Publikum in Form des zweiteiligen Kochbuches an, das mit meisterlicher Garnierung verschiedener Dokumente, auf Höchster Ebene verfaßt, allein durch die chronologische Abfolge wirkte: Eine sehr schöne Einrichtung im königlich-preußi­schen Staate ist, daß jeder sich schriftlich an des Königs Majestät wenden kann, und daß Seine Majestät so gnädig sind, jedem Unterthan gleich zu antworten, wie aus folgender Cabinets-Ordre zu ersehen ist:
„An den Freiherrn von Hallberg zu Attenbach bei Siegburg.
Es sind mir die verdienstlichen Anstrengungen, mit welchen Sie für die gute Sache auf vielfache Weise thätig gewesen sind, nicht unbekannt geblieben, und ich habe mich daher veranlaßt gefunden, solche durch Verleihung meines rothen Adler-Ordens der dritten Classe ... anzuerkennen. Zugleich ertheile ich Ihnen die Versicherung, daß Ihnen die erste Landrathsstelle, welche in dem Bezirk der Regierung zu Cöln erledigt werden wird, conferirt werden soll ... Berlin, den 23. July 1816 (gez.) Friedrich Wilhelm“.
Was die roten Adler anbelangte, so fand Hallberg später die passenden Worte dazu; die Landratsstelle freilich ließ auf sich warten, so daß er sich entschloß, außerhalb des preußischen Territoriums sein Glück zu versuchen. Der bürgernahe Direktverkehr mit dem preußischen König ließ schnelle Entscheidungen erwarten:
An den Freiherrn von Hallberg zu Lüttich.
Die ... von Ihnen erbetene Erlaubnis, in ausländische Dienste zu treten, kann ich nicht bewilligen. Berlin, 9. Februar 1818 (gez.) Friedrich Wilhelm“.
Endlich wurde eine Landratsstelle frei, und Hallberg traf seine Vorbereitungen zu deren Übernahme. Doch der Freiherr erhielt die zugesagte Stelle nicht, wohl aber die Ablehnung aus Berlin, die ihm zur Abschrift überlassen wurde:
An den Oberpräsidenten Grafen zu Solms-Laubach zu Cöln ...
Ich finde es auf Ihren Vorschlag vom 20. v. M. nicht angemessen, dem Freiherrn von Hallberg die erledigte Landrathsstelle in Rheinbach zu conferiren, die nachgesuchte Erlaubnis in fremde Dienste zu treten, will ich ihm indessen hiermit ertheilen. Aachen, den 9.Oktober 1818 (gez.) Friedrich Wilhelm“.
Die Publikation des Wechselspiels königlicher Meinungen hätte bereits genügt, das ‚Deutsche Kochbuch’ auf den Index staatsgefährdender Literatur zu setzen; allein Hallberg würzte seine Gerichte zusätzlich und servierte als Delikatessen rote Adler, die Feinschmeckern höchsten Genuß versprachen: Wenn einem reichen Ornithologen des nächsten Jahrhunderts zufälligerweise ein Zeitungsblatt vom Monat Dezember 1818 in die Hände fällt, wo fast auf jeder Seite von rothen Adlern die Rede ist, so wird seine Neugier außerordentlich aufgeregt werden ... ‚Johann, spann an’, wird es heißen, ‚wir wollen nach Nassau, wo die Fledermäuse herumfliegen; nach Trier, wo sie wahrscheinlich in den Ruinen des schwarzen Thors dutzendweise nisten.’ – Und wenn nun Johann ... dem Ornitologen erklärt, was es mit den rothen Adlern eigentlich für eine Bewandtnis habe, ... wird dann der Vogelmann ... glauben können, daß unser Jahrhundert das Philosophische war ...? Er wird vielleicht glauben ..., es sey noch die Zeit, wo Friedrich der Rothbart auf dem ... Kyffhäuser Berge, mit dem Kopf nickend, mit den Augen blinzelnd, die Schäfer fragte: ‚Flattern die Raben noch um den Berg und muß ich immer noch schlummern?’ ...
Doch unvermittelt überkam den Freiherrn der Groll: Orden sind jetzt so in Mode wie ehemals die Medaillons der Damen. Viele erhielten sie, weil sie in den Hauptquartieren Pasteten gegessen, andere wissen gar keine Ursache davon anzugeben; man trägt sie wie einen Modeartikel, den man wohlfeil erhält, als wenn man ihn in den Pariser Mode-Läden gekauft hätte...
Der Freiherr hatte die preußische Auszeichnung mit der Begründung abgelehnt, daß Rote-Adlerorden auch an Personen gingen, die als willige Diener Frankreichs gegen den preußischen Staat gekämpft und erst bei sinkendem französischem Stern zu ihrer ursprünglichen Heimat zurückgefunden hatten. Verachtung empfand er daher gleichermaßen für Ordensverleiher wie Dekorierte: Ich kann mich des Lachens nicht enthalten, wenn ich einen Helden sehe, der für und gegen Deutschland die Auszeichnung seiner Verdienste in dem Ehrenkreuz Napoleons und in dem Kreuz der deutschen Befreiung ruhig zusammen aushängen hat. Ein Held für und gegen die Unterjochung ...
Zur Abrundung servierte der Koch eine neu kreierte rheinische Spezialität: Der größte Beweis der Glückseligkeit eines Landes ist immer, wenn sich viele Fremde da ansiedeln, und so können wir denn in unserm kleinen Rheinlande wohl sagen, daß wir sehr glücklich sind ...
Für eine Regierung, die ihrem Untertan einen Verdienstorden zuerkennen wollte, war es gewiß ein harter Brocken, derartige Herbheiten schlucken zu müssen. Die Ablehnung der Auszeichnung allein mußte Zweifel an der Verdienstwürdigkeit eines jeden Staatsbürgers wachrufen; die restliche Rezeptur der Speisen jedoch stempelte den verwegenen Koch ganz fraglos zum Staatsfeind. Freilich hatte Hallberg noch vor Erscheinen seines ‚Deutschen Kochbuches’ einen neuen Reisepaß beantragt, ein Vorgang, den er nicht weniger genußvoll aufzubereiten wußte ...

Hallberg und die Medizin
... Wie hoch der Freiherr die eigene Gesundheit einschätze, und wie gering er jene anderer erachtete, zeigt die Aufzeichnung des bayerischen Herzogs Max, dem Hallberg nur wenig später in Ägypten begegnete: Dieser Mann, beinahe ein Siebenziger, reiste ohne Diener und fast immer zu Pferde oder Esel. Als ich ihm darüber mein Befremden aussprach, erwiderte er gelassen: Was würde mir ein Bedienter nützen? Wenn er krank würde, hätte ich doch so viel wie keinen und wäre nur auf der Reise aufgehalten ...
Für seine große Reise nach Palästina und Indien, die der Freiherr als Achtzigjähriger antrat, nahm er nicht weniger Risiken und Strapazen auf sich. Seine Mitmenschen unterschätzten daher in der Regel die Rüstigkeit des Greises und wurden mitunter Opfer ihres eigenen Fehlurteils: In meinem Zimmer im Gasthofe erschien ein Herr, als ich müde von der Reise bis sieben Uhr morgens noch im Bette lag.
„Ich bin der Arzt ...“; ohne weiteres kam er ans Bett, ergriff meine Hand, um nach dem Puls zu fühlen, wobei er die wichtige Miene eines Schafskopfes annahm.
„Sie haben starkes Fieber, ich werde Ihnen aber etwas geben, daß sie in acht Tagen reisen können; haben Sie Papier, Feder und Tinte?“
„Es liegt da auf dem Tisch.“
Er schrieb und brachte mir das Recept.
„Hier, das lassen Sie in der Apotheke machen und nehmen alle Stunden einen Löffel voll und bleiben im Bett liegen, ich werde Sie diesen Nachmittag wieder besuchen; es ist hier so Sitte, daß die Reisenden gleich den ärztlichen Besuch bezahlen, ich nehme für die Visite nur zwölf Franken.“
„Das ist mir lieb zu wissen, Herr Doktor,“ sagte ich dem gelehrten Äskulap, „ich bin selber Arzt, aber ich bin nicht krank, mein Nachbar im Zimmer hier nebenan ist, wie ich gehört habe, krank, nehmen Sie das Recept mit, dann brauchen Sie kein neues zu schreiben ...“

Die Situation muß grotesk gewesen sein. Ein blamierter Scharlatan und sein hohnlachender Schalk, der dem Himmel für dieses Geschenk danken mochte. Genußvoll schilderte der Freiherr die Entgeisterung seines habgierigen Besuchers: Ich hatte nie ein ähnlich verblüfftes Schafsgesicht gesehen, sprang aus dem Bett und lachte laut; er bat mich, niemandem im Hause etwas davon zu sagen, was ich ihm endlich auch versprach ...
Kerngesund kam Hallberg Wochen später in Palästina an, und hier wandelte er sich, wiederum ohne eigenes Zutun, vom ‚Kranken’ zum Wunderheiler der Beduinen: In einem ihrer Lager, wo ich übernachtete, kamen sie haufenweise zu mir, weil sie mich für einen Arzt hielten. Da ich aber nichts von diesem Handwerk kenne, so gab ich ihnen einige Kräuter, von denen sie ... wenigstens nicht ... gestorben sind ...
Die Nachricht von dem ehrwürdigen Medizinmann aus Europa verbreitete sich rasch: Sie glaubten alle, daß ich von der Arzneiwissenschaft große Kenntnis hätte, weshalb ich viele Besuche von Kranken erhielt, denen ich, wie bei uns die Ärzte, Hoffnung zum Besserwerden verschrieb ...
Hoffnungen und Empfehlungen freilich nicht ganz so harmloser Art hatte er vor Jahren mit einer Zeitungsanzeige verbreitet: Zur Verbesserung des Tabaks (nicotinia) in Bayern und zur Anpflanzung auf die Möser, ... habe ich im vorigen Jahre Samen direkt aus Virginia erhalten. Da ich in diesem Jahre vielen gezogen, so ersuche ich die Freunde der Kultur, sich an mich zu wenden, um unentgeltlich Samen zu erhalten ... Da er vorzüglich gut ist, so lade ich alle Tabaksfreunde auf eine Pfeife Tabak höflichst bei mir ein.
Der Eremit von Gauting, jetzt zu Birkeneck.
Bemerken muß ich noch, daß die Blätter gegen Krebs das einzige Mittel sind ...

Das Heiratsinserat

Nur wenige Monate nach dem Tode von Hallbergs Ehefrau waren in München Gerüchte umgegangen, eine Neuvermählung des Freiherrn stünde bevor. Wie das Gemunkel zustande kam und ob es einen wahren Kern enthielt, ist nicht mehr auszumachen; plausibler scheint es, daß hierbei ein Spaßvogel seine Hand im Spiel hatte, und möglicherweise hieß dieser Spaßvogel Hallberg. Jedenfalls erschien im ‚Bayerischen Volksfreund’ unerwartet eine Notiz aus der Hand des Freiherrn unter dem Titel ‚Liebes-Aventuren des Eremiten von Gauting’, die derartige Spekulationen in das Reich der Fabel verwies: Der Eremit von Gauting hat mir gesagt, daß einige Müßiggänger in München erzählt hätten, daß ich ein sehr schönes, junges, liebenswürdiges Fräulein heirathen würde, und daß diese liebenswürdige Schöne das selbst erzähle. Da nun der alte Graubart mein sehr guter Freund ist, so hat er mir aufgegeben, daß er dieses schöne Fräulein zwar vor etlichen zwanzig Jahren in einem Haus in München gesehen, seit dieser Zeit aber nicht mehr; daß er sie nicht mehr kennen würde, wenn er sie auch sähe, und daß er seinen Freunden sein Ehrenwort gebe, daß er als bekannter Eremit lieber barfuß zum heiligen Grabe pilgern würde. Er bittet also die ihm persönlich ganz unbekannte Schöne, sich lieber an einen Kapuziner, als an einen Eremiten zu wenden. Auf ausdrücklichen Befehl des Eremiten, der Freyherr von Hallberg.
Weniger spekulativ äußerten sich Leute, die dem graubärtigen Greis ob seines unattraktiven Äußeren ohnehin keine Lebensgefährtin mehr zutrauten, was der Freiherr schmunzelnd quittiert haben mag. So konnte es eigentlich nur eine Frage der Zeit sein, wann ein neuerlicher Anlaß zu einer entsprechenden Pressenotiz führen würde.
Ende des Jahres 1840 hatte Hallberg sein Gut Birkeneck verkauft und sich auf Dauer im ‚Schwarzen Adler’ in München einquartiert. Es war dies eine Nobelabsteige von gutem Ruf, in der Reisende aus dem In- und Ausland Quartier fanden. An diesem Ort sollte die aufsehenerregende Aktion ihren Anfang nehmen, die Hallberg, falls bis dahin noch nicht geschehen, mit Sicherheit europaweit bekannt machte.
In einer Gesellschaft von Freunden waren wir unter anderem auch auf das Heirathsthema gerathen, schilderte der Freiherr zu einem späteren Zeitpunkt die Einzelheiten. Die Herren neckten mich ob meines ehelosen Standes indem sie behaupteten, daß ich bei meinem ruhelosen Leben niemals eine Frau finden würde. Ich widersprach dieser Behauptung, und nach vielem Hin- und Herreden schlug ich eine Wette vor, daß ich binnen sechs Wochen die Wahl zwischen wenigstens zwanzig jungen Damen haben würde.
Dieser Ausspruch erregte allgemeine Heiterkeit, jedoch wurde die Wette angenommen, der Einsatz betrug sechstausend Gulden. Natürlich waren meine Freunde äußerst gespannt darauf, wie ich mich aus der Affäre ziehen würde.

Die Gelegenheit, sich durch solch glückliche Fügung in Szene zu setzen, ließ sich der Freiherr nicht entgehen. Mit Sorgfalt entwarf er ein Brautwerbungsgesuch, das er umgehend dem ‚Bayerischen Eilboten’ zur Veröffentlichung einreichte. In diesem Münchner Blatt publizierte er seit langem, in der Regel ohne Einschränkungen.
Die Redaktion nahm das Inserat ungläubig zur Kenntnis. Und da auch die Zensurbehörde keine Bedenken zeigte, veröffentlichte man das umfassende Gesuch. Schmunzelnd konnte der Freiherr bereits wenige Tage später feststellen, daß auch andere Blätter den originellen Antrag aus dem ‚Eilboten’ übernommen hatten und so für eine weite Verbreitung des Heiratswunsches sorgten:
Der Wunsch des Eremiten von Gauting
Ich habe in einer schönen Gegend im bayerischen Walde ... eine Hofmark mit einem neuen Schloß ... zum Erbschafts-Geschenk erhalten. Allein, wie artig es auch in Chameregg seyn mag, ... so finde ich es doch sehr langweilig, in den schönen Zimmern Niemand um mich zu finden, und selbst in den Spiegeln nur mich allein zu sehen. Ich habe also beschlossen, nach dem Beispiel anderer Narren, mich zu verheirathen ... Diejenige, die ich heirathe, muß sechzehn bis zwanzig Jahre alt seyn, schöne Haare, schöne Zähne und schöne kleine Füße haben, sie muß von ehrlichen, braven Eltern abstammen, und ihr Ruf ohne allen Makel seyn. Sie muß sich sehr schön und einfach in Seide oder Samt kleiden, aber durchaus in keine andern Stoffe; auch darf sie keine Ohrgehänge, Ketten, Ringe oder dergleichen Unsinn tragen, auch keine Pantoffeln, Hauben, Bänder, falsche Haare und dergleichen, und nie ihre Kleider nach der bestehenden Mode machen lassen, da es nichts Dümmeres geben kann, als dem Kühgang anderer Menschen zu folgen ...  Sie muß Reiten und Fahren können, oder es erlernen. Sie darf nie Stricken, weil dieses Fingerspiel eine Maske gegen die Dummheit ist. Sie darf nur Musik machen, wenn sie es zur Virtuosität gebracht hat, da es unangenehm ist, das dumme einfältige Geklimper anzuhören ... Sie ist im Hause und über alle Ehehalten unumschränkte Herrin ... Sie muß mich überall auf Reisen und wo ich hingehe, begleiten, weil es in meinem Gefühl eine Schande für die Männer ist, den Tag und ganzen Abend umherzulaufen und in Wirthshäusern zu schwelgen, indem die Frau allein zu Haus der Langeweile übergeben ist. Dann darf sie nicht, wie
in den meisten Ehen geschieht, ihre Weiblichkeit vergessen und sich herablassen, ihren Mann zuerst zu liebkosen, wie manches schöne, edle Weib gezwungen ist zu thun, um ihren Tölpel bei guter Laune zu erhalten ... Sie erhält am Tage der Hochzeit in russischen und preußischen Staats-Obligationen dreißigtausend Gulden, wovon sie aber die Zinsen jährlich nach ihrem Willen verzehren muß, weil nichts abscheulicher ist, als das schändliche Laster des Geizes. Sie darf nach Absprache nicht Tanzen, weil ich meine Frau nicht wie eine Närrin umherhüpfen sehen will. Wenn sie Vermögen hat, so will ich es nicht angeheirathet haben ...
Ich will nun auch von mir sprechen. Nach dem Calender bin ich 70 Jahre alt, nach den Kräften aber erst 25. Immer froher Laune, suche ich die Freuden überall, wo die strengste Ehre es erlaubt. Wenn es nun ein schönes Mädchen gibt, welches sich mit einem alten Mann, der noch frisch auf den Knochen ist, zu Pferd, zu Haus und auf Reisen herumtummeln will, so kann sie mir schreiben und ich komme bis auf hundert Stunden von München, aber nicht weiter, um sie zu sehen und mich sehen zu lassen, wobei ich dann auf mein Ehrenwort verspreche, daß ihr Name nie genannt wird.
München, im Schwarzen Adler am 16. November 1840, Theodor Freiherr von Hallberg zu Broich, Commenthur des Michaeli-Ordens, Ritter des St. Anna-Ordens, Feld-Obrist-Hauptmann am Rhein und an der Maas.

Die Aussicht, künftig als Schloßherrin über einen Stab von Bediensteten herrschen zu können, war nicht wenig verlockend und ließ die Vorstellung, die Zukunft an der Seite eines recht betagten Ehemannes zubringen zu müssen, rasch in den Hintergrund treten. Zwar galt der Eremit von Gauting nicht gerade als Partie und erschien vielen durch seine lächerlich wirkende Kleidung und sein beifallheischendes Gehabe eher abstoßend, doch der gesellschaftliche Aufstieg, der hier durch Heirat geboten wurde, überwog bei weitem. Geschickt hatte er sich zudem als zwar konservativer, aber toleranter Brautwerber vorgestellt, der unumstößliche Grundsätze proklamierte, hingegen durchaus konsequent und gerecht erschien. Lediglich sein wahres Alter hatte er leicht geschönt: Nicht siebzig sondern gut zweiundsiebzig Jahre zählte er bereits ...
Was sich noch anfänglich als Gaudi mittleren Ausmaßes darstellte, nahm freilich nach und nach Formen an, die alles bereits Dagewesene in den Schatten stellten. Unerwartet war das Echo nicht nur in der Damenwelt, sondern in allen gesellschaftlichen Gruppierungen quer durch die Geschlechter. Der Freiherr und sein Gesuch blieben das alles beherrschende Thema ...


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