Wolter v. Egan-Krieger

Gaukler ihrer Zeit

Die letzte Hexeninquisition in Freising

Gerd Spann Verlag Kranzberg, 1992

ISBN 3-923775-16-4

334 Seiten

 

Freising an der Isar. Die alte Bischofstadt im Herzen Altbayerns, kaum eine halbe Autostunde nordöstlich von München gelegen.Bis zur Säkularisation im Jahre 1802 war das fürstbischöflich regierte Freisinger Hochstiftsgebiet ein eigenständiger Staat im habsburgischen Kaiserreich, eine nur wenige Quadratkilometer große Insel inmitten des bayerischen Kurfürstentums, die sich in Form eines schmalen Streifens längs der Isar bis nach München erstreckte. Etwa 3000 Einwohner zählte der noch vollständig mit einer Stadtmauer umschlossene Ort zum Zeitpunkt des hier beschriebenen Geschehens. Heute hingegen ist die Stadt längst über den alten Kern hinausgewachsen und bildet mit den umliegenden, ehemaligen Dörfern eine Einheit.

In diesem Gebiet, speziell in den Ortschaften Neustift und Vötting, waren jene Personen beheimatet, gegen die sich der Hexenverdacht richtete; hier fanden sich die fremden Bettelkinder ein und bildeten mit den einheimischen Spielgefährten die so verhängnisvolle Gemeinschaft.

Die Verantwortlichen der beiden Inquisitionsprozesse hingegen hatten auf dem Freisinger Domberg ihren Sitz. Hier residierte der Fürstbischof mit seinem Hofstaat und vereinigte in seiner Person weltliche und geistliche Regierung gleichermaßen.

Noch heute sind die Doppeltürme des Freisinger Mariendoms die charakteristische Silhouette der Stadt und bilden zusammen mit dem nahegelegenen Weihenstephaner Berg das weithin sichtbare Wahrzeichen des alten, vor 1250 Jahren gegründeten Bischofssitzes.

Die vorliegende Arbeit wurde nahezu ausschließlich aus Originaldokumenten des bayerischen Hauptstaatsarchivs in München (HSTAM) zusammengestellt. Das Material bestand vorwiegend aus seinerzeitigen Zeugenaussagen über die Gefangenen, sogenannten eidlichen Erfahrungen, und den zahlreichen Verhörsprotokollen (sechs Aktenstöße mit insgesamt etwa 1000 Archivalien). Da die Gerichtsdokumente gut leserlich und im wesentlichen vollzählig vorhanden sind, konnten die Lebenswege, das Umfeld und der verzweifelte Kampf der Gefangenen gegen ihr unerbittliches Schicksal weitgehend rekonstruiert werden.

Die Darstellung der Prozeßführenden hingegen machte die Heranziehung weiteren Quellenmaterials erforderlich.

Das vor nunmehr 270 Jahren abgelaufene Geschehen muß bei Betrachtung aus einer heutigen Warte unverständlich bleiben. Infolge der Fortentwicklung wird die unmittelbare Sicht auf frühere Vorgänge verstellt, wohingegen Zusammenhänge erkennbar werden, die den seinerzeit Beteiligten nicht sichtbar waren. Für das Verständnis und die Bewertung des damaligen Geschehens schien es daher unabdingbar, den Betrachtungsmaßstab der damaligen Zeitzeugen darzulegen und von dieser Grundlage aus eine kritische Beurteilung des Geschehens vorzunehmen. Insbesondere im Hinblick auf die Beweggründe, welche die Prozeßführenden zu einer Hexenverfolgung veranlaßten, erschien dies notwendig, da gerade deren Motive von unserem heutigen Verständnis erheblich weiter entfernt sind als jene der Inquisitionsopfer in ihrer Not und spontanen Abwehr.

Darüberhinaus bedeutet diese Betrachtungsweise, daß die hier stattgefundenen Hexeninquisitionen ausschließlich regionale Vorgänge im ehemals fürstbischöflichen Hochstiftsgebiet zum angegebenen Zeitraum beschreiben und keinerlei Anspruch auf repräsentative Gültigkeit für Hexenprozesse schlechthin erheben können.

 

Kurze Übersicht über die Motive und (Gegen-)maßnahmen der Inquisitionsbeteiligten:

- Beschuldigte:

Die verzweifelten Unschuldsbeteuerungen der inhaftierten "Hexenkinder" führten in der Regel spätestens in der Folterkammer zu der Einsicht, der drohenden Vernichtung durch die Schilderung der objektiv nachprüfbaren Tatbestände nicht zu entgehen. So formierte sich mithilfe gegenseitigen Informationsaustausches im Gefängnis eine gemeinschaftliche Abwehr, die in einer völligen Abkehr der individuellen Verteidigung bestand: In der kollektiven Geständigkeit der vorgeworfenen (gemeinschaftlich begangenen) "Verbrechen". Hierdurch stieg zunächst ihre Glaubwürdigkeit in den Augen der Ankläger, was die Gefangenen wiederum zu nutzen wußten. Wahllos denunzierten sie einstige, noch in Freiheit befindliche Spielgefährten irgendwelcher Untaten, so daß die Inquisition gezwungen war, ihre Ermittlungsarbeit gegen bislang verschont gebliebene und unverdächtig erscheinende Personen auszuweiten. Anfänglich zielte dies vor allem auf Spielgefährten der gleichen sozialen Rangstufe, und man erkennt, daß es im wesentlichen darum ging, den Prozeß in unglaubwürdige Dimensionen zu erheben (in Freising sprengte das schließlich das Aufnahmevermögen des Gefängnisses). Später zogen die Gefangenen auch Personen hinein, die sie kaum mehr als vom Hörensagen kannten, die als Spielgefährten selten oder nie mit ihnen in Berührung gekommen waren: Durchweg Bürgerkinder einer höheren sozialen Schicht. Das Verteidigungskonzept lag damit sowohl in einem Unglaubwürdigmachen des Prozesses durch Erhebung in eine ungeheure Dimension, als auch in der Aktivierung des Widerstandes einflußreicher oder wehrhafter Mitbürger. Die damit einhergehenden Zweifel an der Arbeitsweise der Inquisitionsinstanzen führten für die noch lebenden Gefangenen schließlich zur Umwandlung der bereits vorgesehenen Todesurteile in Verbannungsstrafen, ohne diese Zwangsmaßnahmen durch ein abschließendes Urteil zu begründen. Abgesehen von den körperlich bleibenden Schäden infolge der Haftbedingungen waren die mit dem Leben davongekommenen Personen damit Gezeichnete für alle Zeiten.

- Verantwortliche (aus dem Epilog):

... Das Phänomen, die Verdächtigten nach erfolgtem behördlichen Zugriff nicht mehr ohne Glaubwürdigkeitsverlust freilassen zu können, begleitete die Ankläger über die gesamte Prozeßphase. Wie ein Zwang lag es über den Verantwortlichen, die Berechtigung der Dingfestmachung von den Beschuldigten selbst erhalten zu müssen. Niemals war ein behördlicher Fehlgriff oder Irrtum möglich. Stellvertreter eines Gottesgerichtes können sich nicht irren - selbst wenn sie wollen. Daher gerieten sie regelmäßig in Zugzwang, wurde ihnen ein Geständnis verweigert. War die Freisetzung des Verdächtigten partout nicht zu umgehen, so lag die vorangegangene Gefangensetzung stets an bösartigen Denunziationen anderer Malefikanten, die die Beamten fehlgeleitet hatten. Die Verantwortung für einen Mißgriff blieb so an den Beklagten haften. Man reservierte sich auf diese Art einen Unfehlbarkeitsanspruch, ohne zugleich allmächtig sein zu müssen ...


Auszug aus den letzten Verurteilungen:
... Das Weitere verläuft in der sattsam bekannten Weise. Beide Gefangenen bestreiten im sogenannten gütlichen Verhör die ihnen unterstellten Taten so lange, bis man den Scharfrichter herbeiruft.
"Wann er auch schon wider all besseres Verhoffen anheunt die Tortur ausstehen sollte", gibt man Georg Mayr schließlich zu verstehen, "... so derff er ihme doch nit einbildten, daß ers völlig yberstandten haben werdte ..."
Noch einmal opponiert der Gefangene:
"Er glaubs woll, daß man ihne nit aussözt; die Wahrheit glaubt man ihme nit, und seye er dem Deuffel nit underschriben ..."
Als der Scharfrichter den Raum betritt, fügt er hinzu:
"Den Scharpfrichter mag er nit, will liber die Wahrheit sagen ..."
Geradezu wie Hohn klingt der Passus in der Urteilsempfehlung Georg Mayrs angesichts seiner Offenlegung, wie sich die Gefangenen untereinander verständigt hätten: "... Gleichwie aber dergleichen unbegründete Revocationes nach anvor so umbstendig bekhannten Verbrechen kein Glauben hat zuegemössen werden, anerwogen der Verstrickhte nit allein solche Umbstendt entdeckhet, die kein Unschuldtiger hette wissen können, sonndern auch andere complices angesagt und confrontiert (haben) ..."
... Die beiden Gefangenen wissen mittlerweile: Es ist aus. Im letzten Verhör leisten sie keinen Widerstand mehr. Alle Fragen des Stadtpflegerichters beantwortet Georg Mayr zur Zufriedenheit der Räte und Juristen, so daß das Urteil verkündet werden kann:
"... Da nun Herr Panrichter ... den Huet aufgesezt, sohin sich bedenkht und vermelt, mörckhe auf mich was ich Dir sag, respondiert er, Gröbner, ... nä, nä, ich mag nit. Da aber der Panrichter weitters fortgeredt und ihme das Leben ab, sohin zuespricht, solle einen Beichtvatter begehren, ist der Gröbner still, bis ... ihme das Leben würckhlich abgesprochen worden, worauf dann er weitters formalia vermeldt, nä, nä, hab nichts gethan ich. Begerth aber seinen vorhin gehabten Beichtvattern und sagt, was frag ich darnach, mueß doch einmahl sterben ..."
... Drei Tage bleiben den Verurteilten. Sie sind nicht allein. Die Franziskanerpatres betreuen sie, und es scheint so, daß von den fragwürdigen Konsolidierungsversuchen der ersten Wochen kein Gebrauch gemacht wird. Den letzten Wünschen der Gefangenen kommt man weitmöglichst entgegen, auch die von den Mönchen verfaßten Widerrufe lassen keine Beeinflussung im Sinne der Inquisition erkennen. Ein ehrliches Vertrauensverhältnis zu dem Geistlichen scheint zumindest Georg Mayr zu haben; vielleicht ahnt der Pater die Wahrheit.
Geradezu als tragisch muß man das Geschehen um die seinerzeitige Festnahme Georg Mayrs bezeichnen. Jener sei "... von darumben in Arrest gezogen" worden, so die Begründung, "weillen derselbe auf seine Persohn zu vill Gelt gehabt, auch villfeltig gezechet ..."
Zwei Gulden und einundvierzig Kreuzer hätte er "in einem Peitl an underschidlicher Minz" mit sich geführt; "... weillen also nit abzusechen gewesen, woher Verhaffter dises Gelt und Klaidung genommen, indeme er unmöglich wegen seines Herumbschlipfens so vill hette gewinnen können und anvor in einem grünen Camisoll ganz zerrissen herumgezogen ...", sei man genötigt gewesen, die wahre Herkunft des Geldes zu überprüfen.
Der Diebstahlsverdacht ließ sich nicht erhärten. Daher versuchte man, in seiner Vergangenheit fündig zu werden: Zu nächtlicher Zeit habe jener seinem Hausherrn einstmals zwei Zwölfer entwendet und sodann verspielt ..."
Freilich mußte man kleinlaut zugestehen, daß Georg Mayr von dieser Beute "... nach obigem Tag 19x zurückhgeschickht, in etlichen Tagen aber widerumben 41/2x ... (habe) restituieren lassen ..."
Kriminelle Handlungen ließen sich, allen Bemühungen zum Trotz, nicht finden. In der Hofratssitzung vom 5. Mai 1721 traf man daher die Entscheidung: Georg Mayr sei "... seines bekhantlich verybten Diebstalls, auch anderen sträfflichen Undernemens halber zur woll verdineten Straff durch den Ambtman ... empfündtlich mit Ruethen (zu) hauen ..." Nach Erteilung des Stadtverweises habe man ihn sodann seinem "... Vatter zur Correction auf mehrer Zucht zuzuschickhen ..."
Das geschah zwei Tage vor dem alles entscheidenden Peinlichen Verhör Veits. Die Freilassung des Buben wäre normalerweise noch am gleichen Tag vonstatten gegangen; aus unerfindlichen Gründen verzögerte sie sich jedoch. Selbst am darauffolgenden Tag hätte der Stadtverweis ihn noch in Sicherheit gebracht und ihm möglicherweise das Leben gerettet. Nach Veits erzwungenem Geständnis aber war es zu spät. Im Rechtsgutachten Georg Mayrs findet sich hierzu die Anmerkung: "... So hat sich aber indessen in des Veicht Adlwarts weitteren Aussag bezaiget, daß selber in pto Veneficy eine mehrere Bekhandtnuß von sich gelassen ...; als hat selber (Georg Mayr), de novo gravirt, von darumb dises Arrests nit können begeben ... werden ..."
Ähnlich grausam spielte das Schicksal mit Joseph Schwaiger.
Georg Mayrs Abschiedsbrief v.24.Jan.1722Über neun Monate liegt das inzwischen zurück. Es ist der 13. Februar 1722. Für den nächsten Morgen sind die Hinrichtungen angesetzt.
Noch einmal, ein allerletztes Mal setzt sich Georg Mayr hin und läßt sich von seinem Beichtvater Papier und Feder reichen. Es ist sieben Uhr am Abend, nur Stunden vor seinem Tod, als er der Nachwelt seinen letzten Brief schreibt. Worte und Sätze sind darin aneinandergefügt, wie sie ihm in den Kopf kommen:

"Meine gnedigen Herrn,
Damit ich armber Sinder in mein Gewüssen sicher stirb und vor dem strengen Richter Gottes auf iener Welt verandtworden khan und mit Leib und Sell nit muß vertambt werden, bin ich in meinem Gewüssen schuldig, vor meinem Dodt vor Gott und der Welt, daß ich einem Menschen in seinem guetten Namben, Leib und Leben in einer so grossen Sache Unrecht thue, und weill ich aber than habe, mueß ich in meinem Gewüssen alle, auf die ich ausgesagt, allen ied guetten Namben sovill ich khan, wider geben, und ich wills gern thain. Ich habe nechst einen Prieff schrieben an meine gnedigen Hern, und was ich geschriben, ist alles war, ich lebe darauf und stirb darauf in alle Ewigkheit und von Grund meines Herzens gern. Ich wüll gern sterben; was ich aber bisher auf eine Weis wider ausgesagt nach meinem ersten Urdtel, die weit her, ist auch nichts, und hab die Unwarheit geredt, werr meinem gnedigen Herrn in dem Gesicht, ich hets nit gethan wan sye mir nit auf ein neues wider mit dem Scharpfrichter und mit so harter Martter und Bein so hart getrott hetten; ich habs genug ausgestanden zuvor und will liber noch einmal sterben und khundts nit mer ausstehen, wie ich auch gestanden, weill ich an meinem Leib zu schwach bün; darzu ich armber Sinder rueffe jezt sowoll das, was ich zuvor, als was ich nach meinem Urdel vor Gericht ausgesagt, zuruckh, und sage wider, wie ich zuvor den gnedigen Herrn geschriben habe, alle diße, die ich angesagt, sein alle unschuldig und weiß nichts schlechtes was ich ausgeben, weillen ich selbst nichts tan oder weiß Gottlob, darumb hab ich auch dismal wider wie das erste Mall noch vor Gericht und vor allen Zeugen solches noch gleich mit meine Worden zuruckhgeruffen, ich stirb und will gern sterben für diejenige, die auch wegen meiner unschuldigen sterben, damit mir Gott verzeighen thuet auf diser Welt, merer khan ich nit thain auff derer Welt; solten aber denoch wegen meiner falschen Aussag vor Gericht einer gericht werden und die Pluett vergiessen miessen, will ich bey Gott kheine Verandwordtung haben, ich gibs gleich woll auf fürr Leib und Sell und rueffe Gott zu einem Richter an, er solls richten wie er will, ich gebs in also ihre, meine gnedigen Herrn, dis habe ich geschriben heit nach der meinen heullige Peicht und Khomminje, und alles, was ich da geschriben ist war, bins zu meinem Gewüssen schuldig, bedine und bezeige alles im Namen der allerheilligsten Dreyfaltigkeit.
                                                                    Georg Mayr, armber Sinder"


In den Morgenstunden des 14. Februar 1722 geht für Georg Mayr und Caspar Spittaller die Haft zu Ende. Für Caspar Spittaller nach acht Monaten, für Georg Mayr nach fast elfmonatiger Gefangenschaft.
Drei Mal widerstanden beide der drohenden Vernichtung. Beim vierten Mal folgten sie dem Weg ihrer einstigen Gefährten. Wohin sie gingen, ob in jenen ihrer Vorstellung gemäßen Himmel, mag dahingestellt sein; gewiß aber ist, was sie hinter sich ließen:
Die Hölle, wie sie schlimmer nicht sein kann.


Als Hinterlassenschaft bleibt die vorläufige Bilanz des Prozesses: Elf Hingerichtete; zwei erwachsene Frauen, 40 und 48 Jahre alt, ein 22jähriger Mann, acht Kinder und Jugendliche im Alter zwischen 13 und 18 Jahren. Im Gefängnis, gefoltert und entmündigt, seit einem halben Jahr einer bangen Zukunft entgegensehend:
                                   
                                    Bartholomäus Thaller, 16 Jahre alt,
                                    Leonhard Altweger (Grabenlindlbub), 15 Jahre alt,
                                    Hans Georg Gerbl (Schuri), 11 Jahre alt,
                                    Mathias Widman, 11 Jahre alt,
                                    Balthasar Huber, 13 Jahre alt,
                                    Michael Gänter, 12 Jahre alt,
                                    Maria Ebenland, die Mutter von Leonhard Altweger, 40 Jahre alt,
                                    Maria Paur (Kerschrözlin), die Mutter des hingerichteten Antoni (Groll), 54 Jahre alt,
                                    Elisabeth Adlwart, die Mutter des hingerichteten Veit, 66 Jahre alt.


Die Tat von Besessenen, vom Teufel verblendeten?
Das Werk von "Kindern ihrer Zeit?"

Weitere Beiträge zu den Freisinger Kinderhexenprozessen (Aufsätze und Vorträge) befinden sich in der Rubrik Aufsatz

 

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