Analyse der Freisinger Hexenprozesse in den Jahren 1715/1721

Wolter v. Egan-Krieger 

(Überarbeitete Fassung eines Seminarvortrages, gehalten am 3.Febr.97 im Institut für neuere Geschichte der LMU München.

Die Süddeutsche Zeitung, Regionalteil Freising, veröffentlichte die vorliegende Fassung in unwesentlich gekürzter Form am 12./27.November und 11.Dezember 97).

 

Nach seinerzeit geltenden Rechtsnormen stellten sich für den Inquisitionsprozeß generell folgende Rahmenbedingungen: Beschuldigte waren nur rechtskräftig verurteilbar, wenn ihnen ein Delikt nachzuweisen war, durch das jemand Schaden genommen hatte. Die Tat mußte ferner durch gut beleumundete Personen bezeugbar sein; das Geständnis des Angeklagten allein wurde nicht als hinreichend erachtet, es sei denn, ein 'Corpus delicti' oder eindeutige Spuren der Tat (Hinterlassenschaft) standen als Beweismittel zur Verfügung.

Diese Vorbedingungen finden sich festgeschrieben als Artikel der Carolina, der Halsgerichtsordnung Kaiser Karls V. von 1532 (auch Constitutio Criminalis Carolina, kurz C.C.C. genannt), die im gesamten Habsburger Reich als verbindlich galt und allenfalls regional Ergänzungen erfuhr. Als schwerwiegendere Eingriffe erwiesen sich spätere Rechtauslegungen einzelner Artikel durch Rechtsgelehrte, die unter kirchlichem Einfluß stattfanden. Hiervon betroffen waren insbesondere Hexerei- und Zaubereidelikte, die im ursprünglichen Sinne als Verbrechen gegen Leib und Gut des Menschen, nun auch überirdische Schäden mit einbezogen. Teufelsbündnis und Teufelsbuhlschaft wurden somit als Schaden an Gott erkannt und zu todeswürdigen Verbrechen erklärt; die Nachweispflicht gegenüber wirklich angerichteten Schäden entfiel damit. In ähnlicher Weise großzügig verfuhr man mit den Auflagen, die bei Verhängung der Folter zu beachten waren. Denunzierungen aufgrund von Torturanwendung galten fortan als verwertbar, und erst diese pauschale Erweiterung des entsprechenden Artikels lieferte die rechtliche Grundlage zu Massenprozessen.

Die Beseitigung der verankerten Schranken aus jener Rechtsbasis bedeutete einen Rückfall in die Willkür früherer Rechtsprechung, und bald erreichte die beispiellose Hexenvernichtung ein dermaßen erschreckendes Ausmaß, daß mehr und mehr Zweifel an dieser Art von Wahrheitsfindung laut wurden und wiederum eine Rückbesinnung auf die ursprüngliche Fassung der Carolina stattfand. Rechtsgelehrte interpretierten die einzelnen Artikel den jeweiligen Zeitströmungen gemäß, so daß zu Beginn des 18. Jahrhunderts nicht nur die Gesetzesgrundlage der Carolina, sondern eine kaum überschaubare Auslegung jener Artikel durch berühmte Rechtsgelehrte vorlag.

Auch das Hochstift Freising stand auf dieser juristischen Basis. Zwar wurde nur der Bannrichter, in dessen Zuständigkeitsbereich Rechtsauslegung und Strafzumessung lagen, auf die Carolina vereidigt, nichtsdestoweniger fand diese gesetzliche Richtnorm gleichfalls in den oberen Ebenen der Hofgerichtshierarchie einschließlich des Pflegerichters (Inquisitionsgericht) und der Hofräte (Entscheidungsgremium unmittelbar unter dem Fürstbischof) uneingeschränkte Anwendung.

In den Eidesformeln der Hofräte fällt die strenge Gehorsamsverpflichtung gegenüber dem Fürstbischof als oberstem Dienstherrn auf. Diese Verpflichtung (auch wenn sie nicht in den Eidesformeln der fürstbischöflichen Richter ausdrücklich verankert war) mit einhergehender Unterwerfung unter die Carolina mußte vor allem den Bannrichter immer dann in Konflikte stürzen, wenn Eingriffe vorgesetzter Stellen in das Inquisitionsverfahren nicht mit den Vorschriften der Carolina in Einklang zu bringen waren. Hier blieb dem Bannrichter in der Regel nur der Weg, derartige Rechtsverstöße entweder zu ignorieren oder aber in einem Sinne umzudeuten, der die Rechtsnorm der Carolina als gewahrt erscheinen ließ.

Die beiden Freisinger Hexenprozesse 1715/1721 unterscheiden sich in dieser Hinsicht nicht wesentlich von anderen Hexen- oder Zaubereiprozessen jener Zeit. Was sie jedoch heraushebt, ist die Art und Weise, mit der Verstöße gegen die Carolina motiviert wurden. Artikel, die den obrigkeitlichen Vorgaben im Wege standen, stellte man als nebensächlich hinter andere, die um so mehr Erfüllung fanden. Darüber hinaus verlagerte man den Rechtsbruch beim Angeklagten, dem die schlimmste Strafe drohte, auf möglichst abseits stehende Zeugen, die später im Rechtsgutachten des Bannrichters nur am Rande Erwähnung fanden. Dadurch entstand der Eindruck, daß Rechtsverstöße allenfalls im Zusammenhang mit Personen einhergingen, die ohnehin kaum abgestraft wurden. Im ersten Freisinger Hexenprozeß werden einem derartige versteckte Rechtsbrüche ständig vor Augen geführt, obwohl gleichzeitig schlimme Willkür obwaltete - teils aus Unerfahrenheit, teils vorsätzlich. Das eigentliche Charakteristikum jenes Prozesses ist freilich der Bruch nach eineinhalbjährigem trägen Verlauf, der den abrupten Wechsel von einem bislang immerhin halbwegs an rechtlichen Normen orientierten Ablauf in ein heilloses Chaos markiert.

Im zweiten Prozeß vier Jahre später hingegen achtete man auf eine peinlich genaue Einhaltung der formal vorgeschriebenen Prozeßprozedur, erlegte sich jedoch bei den Rechtsnormen gegenüber den Angeklagten keinerlei Zwänge auf. Das wird von Anbeginn dieses Prozesses sichtbar und steigert sich im Verlauf zu einer Unrechtsprechung im formal exakt eingehaltenen Rahmen, die durch keinerlei Rechtsauslegung mehr zu bemänteln ist und schließlich auch gar nicht mehr bemäntelt wird.

 

1. Hexenprozeß.

Fünf aus allen Gegenden Süddeutschlands spontan zusammengetroffene Bettelkinder im Alter von acht bis vierzehn Jahren, die monatelang in der Freisinger Gegend umherziehen, werden von Freisinger Schulkindern denunziert und teuflischer Verstrickung bezichtigt. Insbesondere ist es Schwarze Magie, die sie verübt haben sollen, das Mäuse- und Ferkelmachen.

Aufgrund dieser Gerüchte kommt es zur Verhaftung der Gruppe und in der Folge zum Inquisitionsprozeß. Wegen der Zufälligkeiten zu Beginn (unerwartete Kinderaussagen) kann eine geplante Inszenierung des Spektakels ausgeschlossen werden; nach Inhaftierung und Anklageerhebung stellt sich für die Inquisition jedoch unvermittelt die Frage nach der Rechtfertigung des nunmehr vollzogenen ersten Schrittes. Man benötigt Geständnisse und konkrete Zeugenschaft der zur Last gelegten Untaten, um nicht einen behördlichen Fehlgriff eingestehen zu müssen.

In diesem 1715 beginnenden Hexenprozeß liegen nach gut einem Jahr Prozeßdauer folgende verwertbare Aussagen vor:

 

1. Gegenseitige Beschuldigungen der Inhaftierten

2. Eigene Geständnisse begangener Untaten (teilweise)

3. Übereinstimmende Beschreibungen gewisser Handlungen

4. Die Nennung unverdächtiger Personen als Augenzeugen.

 

Alle diese Aussagen sind jedoch ohne Belang: Gegenseitige Beschuldigungen haben keinerlei Aussagewert, da sämtliche Inhaftierten an Hexenversammlungen teilgenommen haben sollen und somit kaum als gut beleumundet gelten können (C.C.C. Art.66). Gleiches gilt für die Selbstbezichtigungen der Gefangenen: Das Eingeständnis einer Tat ohne sonstigen Nachweis oder die glaubhafte Zeugenschaft anderer ist zu verwerfen (C.C.C. Art.20).

Die Übereinstimmung eingestandener Untaten läßt sich aus gegenseitigen Absprachen der Kinder erklären. Daß diese Möglichkeit bestand und gängiger Brauch war, stellten die Ankläger nicht in Abrede, wiesen vielmehr wiederholt auf das Dilemma hin. Zudem geht die suggestive Beeinflussung (C.C.C. Art.56) der Gefangenen unzweifelhaft aus den Frage- und Antwortprotokollen hervor (im späteren Rechtsgutachten des Bannrichters finden diese simplen Zusammenhänge allerdings mit keinem Wort Erwähnung). Die den vermeintlichen Untaten beiwohnenden unbeteiligten Personen (Erwachsene und Kinder) wurden ausschließlich von den Inhaftierten benannt (jene Kinder sind nicht mit den die Haftwelle auslösenden identisch). Eine Befragung fand bislang nicht statt. Jetzt erst, nach einem Jahr Prozeßverlauf, scheint den Verantwortlichen klar zu werden, daß es nicht möglich ist, ohne die Hilfe Außenstehender zu einer rechtlich abgesicherten Verurteilung der Inhaftierten zu gelangen. Daher findet jetzt die Vorladung dieser Personen (dreizehn Kinder zwischen vier und elf Jahren, ein Erwachsener) statt (s.a. Gaukler ihrer Zeit, S.60ff).

Trotz suggestiver Beeinflussung und massiver Einschüchterungsversuche ergibt sich zunächst in keinem Falle eine Bestätigung der vermeintlichen Verbrechen. Die einzig schwache Hoffnung der Ankläger gründet sich auf einen Achtjährigen, der unter dem Druck der Verhöre endlich bestätigt, das Ferkel- und Mäusemachen bezeugen zu können. Ständig verwickelt er sich dabei in Widersprüche und führt schließlich auch einen dreizehnjährigen Spielgefährten als Zeugen an, der freilich das Geschwätz des jüngeren brüsk von sich weist. Die Ratlosigkeit der Inquisition geht aus der ernüchternden Erkenntnis hervor, man habe außer jenen verdächtigen Aussagen aus dem ganzen Verhör ... nichts anderes ersechen oder erzwingen khönnen, als daß alles ein pur lehres Geschwez und das Geschrey vom puren Sagenhören so weith gekhommen seye ...

Auf diese beiden Buben konzentriert sich nun die Aufmerksamkeit der Ankläger, um letztlich das Verfahren 'im Einklang mit der Carolina' fortsetzen zu können. Zwei glaubwürdige "tugentliche" Personen verlangt das Gesetz für die Bezeugung vorgefallener Untaten (C.C.C. Art.23/30). Nach den ersten Befragungsergebnissen scheint aber weder deren Glaubwürdigkeit noch der Leumund ihrer Familien untadelig zu sein. Von allen befragten Stadtkindern bekleiden sie die weitaus niederste soziale Rangstufe: Veit Adlwart, 13 Jahre alt, der Vater Bettler; die Mutter versucht sich durch Heimarbeit durchzubringen. Franz Weingartner, 8 Jahre alt, unehelich geboren, Mutter Bettlerin. Widerstand seitens der Eltern steht somit kaum zu erwarten.

Unter Drohungen werden diese beiden nun zu Aussagen genötigt, die im Sinne der Inquisition sind. Das verfängt zunächst nur bei dem jüngeren Franz Weingartner (Fränzl). Veit stellt gar forsch in Abrede, den jüngeren überhaupt zu kennen - ein schwerwiegender Fehler, denn Fränzl sitzt im Nebenraum. Die prompte Gegenüberstellung der beiden beschert der Inquisition den erhofften Erfolg: Angesichts der Überrumpelung leistet Veit keinen Widerstand mehr und bekennt, was man von ihm verlangt.

Freilich stimmen die derart abgeforderten Schilderungen der Buben nicht miteinander überein und müssen daher 'abgestimmt und angepaßt' werden (Suggestivbefragung). Bei aller aus diesen Protokollen ersichtlichen Nötigung ist dennoch die Behutsamkeit bezeichnend, mit der das Inquisitionsgericht die beiden Buben aus der Verstrickung mit den fremden Bettelkindern herauszuhalten sucht. Natürlich bekennen sie bei dieser Art von Befragung auch Dinge, die nicht im Sinne der Ankläger sind. Der achtjährige Fränzl beispielsweise beschreibt den Teufel als schwarzen Hund mit grosser Foz und Prazn, der wie ein rechter Teufel ausgesehen habe. Nach weiterem 'Zusprechen' erinnert er sich, daß er doch eher einem Geißbock mit 2 Hörndln auf, auch 2 Gaißaugen, gelb und weiß geglichen habe, dem sie sich beide mit ihrem Blut verschrieben hätten (Gaukler ..., S.79). Damit muß man sie ohne Frage als Schuldige einstufen. Unbeteiligte Zuschauer benötigt man jedoch, sprich untadelige Zeugen. Die belastenden Unterstellungen der Inhaftierten, Veit habe Wetterzauber, Fränzl Ferkel gemacht, werden daher als Aufschneiderei und Geschwätz abgetan; ebenso kommt man den Buben bei ihrer vermeintlichen Teufelsverschreibung weitmöglichst entgegen. Nach wunschgemäßer Bezeugung der Untaten ihrer inhaftierten Gefährten können sie daher wiederum entlassen werden.

Im weiteren Prozeßverlauf plant man Gegenüberstellungen des Anführers der Bettelgruppe (Andre) mit den 'ehrenhaften Zeugen'. Um sich jedoch des Ergebnisses sicher zu sein, werden die beiden soeben 'gewonnenen' Kinder wiederum einbestellt und nochmals 'geprüft'. Und tatsächlich fällt der achtjährige Fränzl um. In seiner Not hatte er die Falschaussagen seinem Beichtvater gestanden, der seinerseits das Kind aufforderte, umgehend alles richtigzustellen, da er sonst khein Khind der Seeligkheit werden könne.

Das weitere ist abzusehen: Mit Einschüchterungen macht man ihn erneut gefügig, was nun (ohne Autorisation der Hofräte) die Inhaftierung beider Kinder nach sich zieht. Der Einfluß störender Beichtväter ist somit unterbunden. Eine Gegenanzeige der fürstbischöflichen Herrschaft wegen des eigenmächtigen Vorgehens des Inquisitionsrichters erfolgt nicht.

Mit dieser Inhaftierung der beiden Stadtkinder bringt man sich jedoch auf andere Weise in Zugzwang, da für die beiden nunmehr Bestrafungen vorzusehen sind. Diese Strafzumessung gerät denn auch zum waghalsigen Drahtseilakt: Beide müssen als untadelig erhalten bleiben und haben dennoch nicht ungesühnt davonzukommen. Die gesetzliche Forderung nach glaubwürdigen Zeugen ist damit erfüllt, wenn es auch allen Beteiligten klar sein muß, daß die Buben zum Zeitpunkt der vermeintlichen Untaten elf und sechs Jahre alt waren!

An dieser Stelle sei eine Zwischenbilanz erlaubt. Achtzehn Monate zieht sich der Prozeß mittlerweile hin. An den gegenseitigen Beschuldigungen und Selbstbezichtigungen der Inhaftierten hat sich nichts geändert. Hinzugekommen sind die Aussagen der beiden Stadtkinder, die allerdings nur zur Zeugenschaft für das Ferkel- und Mäusemachen eines einzigen der Bettelkinder (Andre) 'präpariert' wurden. Nur ihm traut man diese 'Kunst' zu, obwohl es keinen Zweifel geben kann, daß es der Inquisition ein leichtes wäre, die beiden Stadtkinder Veit und Fränzl zu belastenden Aussagen gegen die restliche Gruppe zu veranlassen. Die Frage wirft sich auf, weshalb dieser gigantische juristische Kraftakt einer Zeugenermittlung aus dem Kreise unbeteiligter Personen nur das Ziel verfolgt, ausschließlich einen einzigen aus der Bettelgruppe zu überführen, der sich ohnehin zu Hexentänzen und Teufelsverschreibung bekannt hat und auch weiterhin bekennt.

Die mögliche Erklärung könnte lauten: Das Zauberei-Delikt, bezeugt durch unbeteiligte Kinder, wird als unverzichtbarer und handfester Beweis über alle übrigen teuflischen Vergehen gestellt. Eine Bestätigung dieser Untat durch glaubwürdige Zeugen und ein entsprechendes Geständnis von Andre hat eine Schlüsselfunktion und erhöht demzufolge alle sonstigen vorgeworfenen Untaten ebenfalls in ihrem Wahrheitsgehalt. Das Zaubereidelikt wird zum Prüfstein der bisherigen inquisitorischen Wahrheitsfindung schlechthin und das Bettelkind Andre zum Prüfling, dessen Examen über Leben und Tod entscheidet.

Die neue Waffe der Inquisition kommt umgehend zum Einsatz. Doch die Gegenüberstellung der beiden Stadtkinder mit Andre führt nicht zum erhofften Erfolg. Abermals weist er die unterstellte Zauberei zurück. Er habe sich auch nicht dem Teufel unter der Isarbrücke verschrieben, wie die beiden Kontrahenten behaupten, sondern dies sei bereits auf Hexentänzen geschehen. Das wiederum dürfen Veit und Fränzl nicht bestätigen!

Der vorangegangene Ermittlungsaufwand liegt zu hoch, als daß der Mißerfolg ohne weiteres hinnehmbar ist. So kann der nächste Schritt der fürstbischöflichen Herrschaft nicht überraschen: Gegen den widerspenstigen Andre wird die Tortur angeordnet.

Die Folterverhängung gegen das Kind (13 Jahre alt) ist zwar aus Altersgründen durch nichts zu rechtfertigen, dennoch stellt sie keineswegs einen Willkürakt der Domherrschaft dar. Angesichts des Stellenwertes seines mit Sicherheit erwarteten Geständnisses nimmt man diesen schlimmen Verstoß bewußt hin. Aufgrund der Zeugenschaft der beiden Stadtkinder (sprich: Erhärtung des Tatverdachtes) ist aber die Berechtigung zur Torturverhängung (gegen Erwachsene) grundsätzlich gegeben. Überhaupt muß man festhalten, daß sich, bei allen emotionalen Vorbehalten gegenüber dem makabren Thema Hexeninquisition, das Verfahren (bis auf den letzten Punkt) im allgemein üblichen und großzügig definierten rechtlichen Rahmen bewegt hat. Nun freilich gerät der Prozeß wahrhaftig zu einem Spiel auf Leben und Tod. Ein Geständnis Andres würde die alles entscheidende Bestätigung des bisher geübten Prozeßaufwandes bedeuten; die entsprechende Verweigerung hingegen käme konsequenterweise einer Entlastung aller unterstellten Momente gleich. Hier kann es daher nur zwei Urteile geben: Todesstrafe oder Freilassung.

Das Unglaubliche geschieht: Andre steht die Tortur durch, ohne zu bekennen. Die Art seines Widerstandes führt sogar bei seinen Peinigern zur Gewißheit, als sei bei ihm auch für alle Zukunft keine andere Haltung zu erwarten.

Dieses, von den Anklägern inszenierte 'Spiel', geht somit zu ihren Ungunsten aus. Überspitzt könnte man sagen, daß die fürstbischöfliche Herrschaft an dieser Stelle (selbst unter Berücksichtigung des fürchterlichen Prozeß-Endes) diesen Inquisitionsprozeß unwiederbringlich verloren hat. Ein dreizehnjähriges Bettelkind zwingt durch seine Willenskraft die allmächtigen Hofräte auf dem Domberg zum juristischen Offenbarungseid!

Doch die Spielregeln lauten anders. Ein nicht zu erbringender Schuldbeweis bedeutete noch lange keine Schuldlosigkeit. Vor allem aber stehen eineinhalb Jahre Prozeßführung diesem vernichtenden Ergebnis entgegen.

Der ohnehin schleppende Prozeß kommt gänzlich zum Stillstand. Zwei Monate lang hüllen sich die fürstbischöflichen Hofräte in völliges Stillschweigen. Doch mit ihrer nächsten Entscheidung zeigen sie, daß sie keinerlei Konzept mehr haben und überdies schlechte Verlierer sind. Alles nachfolgende dient nur noch einem Ziel: das Gesicht zu wahren.

Wenn nach allem Vorangegangenen auch kaum die Hoffnung bestehen konnte, daß der Prozeß nunmehr ein abruptes Ende finden würde, so durfte man doch erwarten, daß alle bisherigen Aussagen wiederum in Zweifel stünden. Eine neuerliche Prüfung mußte daher unerläßlich erscheinen. Doch das Gegenteil geschieht: Die Akten für vier der Bettelkinder (einschließlich jener von Andre) werden geschlossen. Ein einziger (Balthasar, 14 Jahre alt) hat sich noch immer zu keinerlei Untat (auch nicht zu Hexentänzen und Teufelspakt) bekannt. Gegen ihn erfolgt die Torturverhängung, die jetzt durch nichts mehr zu rechtfertigen ist. Knapp ein Jahr zuvor das letzte Mal verhört, liegen keinerlei neue Erkenntnisse gegen ihn vor.

In seinem Falle kommt sie nicht zum Vollzug, da das Opfer im Angesicht des Scharfrichters, der seine Folterwerkzeuge erläutert, allen Forderungen wunschgemäß nachkommt. Seine Aussagen zu Hexentanz und Teufelspakt erweisen sich als geradezu grotesk. Niemand kann ihnen Glauben schenken, da der Gefangene erkennbar die Ankläger verspottet. Man notiert seine Antworten und hütet sich, weiteres zur Kenntnis zu nehmen (Gaukler ..., S.80ff). Der Prozeß ist praktisch wieder auf dem Stand, den er bereits wenige Monate nach Inhaftierung der Buben hatte: Hexentanz und Teufelspakt in gegenseitiger Bezeugung sowie entsprechende Selbstbekenntnisse. Auch Balthasars Akte kann geschlossen werden, womit sich die Domherrschaft aus dem Prozeßgeschehen verabschiedet. Alles weitere kann man getrost untergeordneten Stellen überlassen - bei entsprechenden Vorgaben. Das Wort in Form der Verfahrensbewertung und Urteilsbegründungen hat nunmehr der Bannrichter.

Jener aber zeigt angesichts des Rechtsstandes keinerlei Eile. Abermals vergehen Wochen, und nichts deutet darauf hin, daß diesem Auftrag ein baldiger Abschluß folgen wird. Alles scheint in Apathie zu versinken.

So ist es wiederum das Bettelkind Andre, das die fürstbischöfliche Herrschaft mit einer allerletzten Tat zum Handeln zwingt: Drei Monate nach seiner Folterung entzieht er sich der Justiz durch Selbstmord in der Zelle.

Der Tote bringt Leben in den erstarrten Prozeß. Eine rasante Talfahrt des Verfahrens setzt ein, die dadurch gekennzeichnet ist, daß die Gefangenen den weiteren Ablauf diktieren. Verheerend wirkt der Selbstmord gleichermaßen auf Inhaftierte und Gefängnispersonal, das nun die Domherrschaft verzweifelt in Dringlichkeitsschreiben anmahnt, endlich zu Entscheidungen zu kommen. Andre hat seine Peiniger nochmals im Nerv getroffen, und sein Tod enthebt sie keineswegs ihres Dilemmas, auch wenn sie diese Tat als abschließendes Schuldbekenntnis werten (ungeachtet seines beharrlichen Bestreitens der ihm vorgeworfenen Zauberei, ersteht Andre, wie man später sehen wird, im zweiten Prozeß wiederum als Haupt der teuflischen Verführungskunst, speziell beim Ferkel- und Mäusemachen). Doch sein Tod ist nur der Anfang des unheilvollen Schlußaktes. Unmittelbar darauf erliegt ein weiteres Bettelkind (Antoni, 13 Jahre alt), das schon längere Zeit krank in der Zelle dahinsiechte, seinen Leiden. Die Konfusion ist fürchterlich. Mit härtesten Strafmaßnahmen (denen sich selbst das Gefängnispersonal widersetzt!) versucht die Domherrschaft der Situation Herr zu werden, doch alles ist vergebens. So gerät abermals der Bannrichter ins Blickfeld der fürstbischöflichen Hofräte. Jener freilich, außerstande, die ihm zugemutete Bürde zu übernehmen, wehrt sich gegen die angestrebten Todesurteile durch formaljuristische Bedenken. Ohne verbindliche Altersangabe der Kinder könne es von ihm keine Hinrichtungsempfehlung geben. Er benötige unabdingbar die Taufscheine der Delinquenten, da auf ihre eigenen Altersangaben kein Verlaß sei. Ohnehin stelle sich die Todesstrafe bei Minderjährigen (vor Vollendung des 16. Lebensjahres) als rechtlich höchst umstritten dar, gibt er zu bedenken (Gaukler ..., S.90).

Immer unverhohlener beugt man das Recht. Unmißverständlich werden ihm Repressalien angedroht, sollte er nicht binnen einer Woche die gewünschten Rechtsgutachten vorlegen - mit oder ohne Taufbestätigung. Und so fügt er sich, zeigt jedoch weiterhin keinerlei Neigung, die Verantwortung auf sich zu nehmen. In seinem Rechtsgutachten plädiert er zwar für das Todesurteil der verbliebenen drei Bettelbuben, fügt jedoch ein Begleitschreiben an, in dem er um Gnade bittet wegen ihres jungen Alters. Offen bleibt dabei, welches Alter er meint: ihr derzeitiges (zwei Vierzehnjährige, ein Elfjähriger) oder ihr Alter zum Zeitpunkt der unterstellten Taten (zwei Zwölfjährige, ein Neunjähriger). Grotesk wirkt die Diskrepanz seines Begleitschreibens nicht nur im Vergleich mit der offiziellen Urteilsbegründung, sondern zusätzlich durch den Passus 'wegen ihres jungen Alters', in dem er einerseits eine besonders ausgeprägte Boshaftigkeit der Kinder zu erkennen glaubt, das andererseits aber als strafmildernd zu werten sei.

Seine Einwände sind ebenso belanglos wie die wortreiche Verschleierung der Rechtswillkür (sprich: juristische Rechtfertigung), welche sein Gutachten anfüllt. Die Todesurteile stehen fest und gelangen offenbar gerüchteweise vorzeitig ins Gefängnis, wodurch die Endphase des Prozesses in einem kaum noch steigerbaren Chaos kulminiert. Ein letztes Verhör mit abschließender Urteilsverkündung (in banco juris), in dem die Beschuldigten ihre früheren Geständnisse frei und ohne Zwang nochmals vor dem Bannrichter und einem Gremium rechtskundiger Beisitzer bestätigen mußten, findet nicht mehr statt - kann angesichts des herrschenden Horrorszenariums im Gefängnis nicht mehr stattfinden. Unformell macht man die Opfer mit Urteil und Hinrichtungstag vertraut (es gibt hier nur Aufzeichnungen über die Wirkung auf die Betroffenen). Das Gefängnis riegelt man vorsorglich gegen Außenstehende ab - erklärtermaßen, um keine (nunmehr unerwünschte) neue Zeugenschaft von den um Hilfe rufenden Verurteilten zu erhalten (Gaukler ..., S.96). Das bezog sich insbesondere auf die beiden Mitgefangenen Veit und Fränzl, die sich als Mitschuldige am bevorstehenden Tod ihrer einstigen Spielgefährten von dieser Gewissenslast zu befreien suchten.

Am 12.November 1717, nach nahezu zweijähriger Prozeßdauer, wurden die drei letzten Bettelkinder Balhasar, Lorenz und Michael in der Morgenfrühe hingerichtet. Veit und Fränzl hatte man dazu verurteilt, die Exekution ihrer Kameraden auf dem Richtplatz mitzuerleben.

 

2. Hexenprozeß.

Im Gegensatz zum vorangegangenen Prozeß finden sich bei diesem 1721 beginnenden Inquisitionsverfahren keine Anzeigen von außerhalb stehenden Personen; ebensowenig liegen Hinweise vor, die den drohenden Ausbruch ankündigen. Außer dem späteren Hauptangeklagten sowie dessen unmittelbarem Freundeskreis befürchtete niemand herannahendes Unheil.

Die Schlüsselfigur dieser neuerlichen Prozeßauflage ist der herangewachsene 17jährige Veit, der vor drei Jahren bereits als Zeuge auftrat und den man nach der Hinrichtung seiner einstigen Spielgefährten unter geistliche Aufsicht stellte. Der ständigen Gängelung bei unentwegter Vorhaltung seiner bösen Vergangenheit überdrüssig, macht er sich schließlich frei und versucht, seiner Existenz ohne fremde Hilfe eine Basis zu verschaffen, was ihm angesichts seines unauslöschbaren Makels nicht gelingt. So bittet der Vater die fürstbischöfliche Herrschaft um Unterstützung seines Sohnes, bis er zu der Handarbeith tauglich ist, da ihm ja offenbar alle Wege zur Erlernung eines Handwerks verschlossen seien. Vermutlich ahnt Veit nichts vom Bittgesuch seines Vaters (seinen bösen Erfahrungen nach hätte er es kaum gebilligt), und natürlich ahnt der Vater nicht, daß er mit diesem Antrag seinen Sohn dem Henker übergibt.

Das Gesuch zieht eine Befragung aller Personen nach sich, mit denen Veit innerhalb der letzten drei Jahre in Berührung kam. Routine mag das sein. Als Kernaussagen ergeben sich hieraus folgende Negativpunkte gegen den Jugendlichen:

 

1. Wiederholter Ungehorsam gegenüber vorstehenden Personen

2. Verspottung der Geistlichen und deren Anschauungen

3. Kleinere Diebereien (belanglos und zudem Jahre zurückliegend)

4. Altersgemäße Lausbübereien.

 

Das dürftige Ermittlungsergebnis genügt der Domherrschaft. Veit wird umgehend in Haft gesetzt: Auf veneficy et furti (Hexerei und Diebstahl) lautet die Anklage. Während sich das Diebstahlsdelikt als gegenstandslos erweist, kommt der Verspottung der Geistlichkeit umso größere Bedeutung zu. Die panische Furcht der Mönche vor teuflischer Vereinnahmung ihres Zöglings verlachte Veit zunächst, um letztlich das imaginäre Theater mitzuspielen: In gleicher Weise wie in den Verhören des ersten Prozesses verwies er nun stets auf teuflische Anstiftung. Nur auf diese Weise schien eine Verständigung mit den Franziskanermönchen möglich. Heimlich jedoch entledigte er sich seiner geweihten Kleidung und unterwarf die frommen Herren auch sonst harter Proben. Als er sich schließlich am Meßwein vergreift, ist das Maß voll: Man erteilt ihm Klosterverbot. Das alles liegt jetzt gut ein Jahr zurück.

Veit steht im Verdacht, ein Werkzeug des Teufels zu sein. Zwei Monate lang leistet er dem Druck der Inquisition erfolgreich Widerstand. Wie seinerzeit im Kloster läßt sich auch jetzt seine Not ausschließlich in Form unsichtbarer ihn bedrohender Teufelsgestalten und magischer Einflüsterungen zum Ausdruck bringen. Dennoch zieht er hier eine klare Grenze und verbannt die imaginäre Teufelswelt in seine klösterliche Vergangenheit. Die Inquisition müht sich vergeblich, sein Bekenntnis zum Teufelspakt zu erhalten; darauf ordnet man die Spitzrutentortur an.

Der entsprechende Artikel der Carolina (C.C.C. Art.19/20) gibt vor, daß ohne redlich Anzeygen der Mißthat ... soll niemants gefragt werden, und ob auch gleichwol auß der Marter die Missethat bekhant wurd, so soll doch der nit geglaubt ... werden ... Entscheidend für die Auslegung dieses Artikels ist also die Redlichkeit der Anzeige.

Weder die Mönche (die übrigens nie befragt wurden), noch die Kostgeber Veits haben teuflische Begegnungen angezeigt. Alle diesbezüglichen Angaben fußen auf früheren Selbstbezichtigungen Veits, die gerüchteweise von anderen übernommen, arglos von ihm bestätigt werden; vergeblich sein Bemühen, die wahren Hintergründe jener Darstellungen offenzulegen. All das wird begleitet von Pubertätsproblemen des Jugendlichen, die man ihm unentwegt als Werk des Teufels einredet.

Nach dem juristischen Fiasko des Vorgängerprozesses findet somit gleich zu Beginn schlimmster Rechtsverstoß statt. Dennoch kann zu diesem Zeitpunkt allenfalls von vorsätzlicher Inszenierung eines Einzelprozesses, nicht eines Massenprozesses die Rede sein.

Die Inhaftierung Veits läßt sich nur aus seiner Vergangenheit, die Folteranordnung überhaupt nicht begründen. Sie muß daher ihre Rechtfertigung aus dem späteren Prozeßgeschehen beziehen - was der Umkehrung eines Gesetzes entspricht. Daß diese Hoffnung nicht vergeblich ist, zeigt der weitere Ablauf: Unter der drohenden Folter (Befragung in loco tortura) bricht Veit zusammen, und erst jetzt scheint ein Massenprozeß nicht nur in Kauf genommen zu werden, sondern sogar das erklärte Ziel zu sein. Die abgedrungenen Denunziationen über seine Spielgefährten lassen die Torturanordnung als gerechtfertigt erscheinen und führen zu einer Verhaftungswelle beängstigenden Ausmaßes.

Von erheblichem Interesse in diesem Zusammenhang erscheint die Untersuchung, welche alternativen Möglichkeiten man eigentlich nach der Verhaftung Veits besaß. Eine Freilassung ohne Auflagen wäre kaum möglich gewesen; ausgeschlossen gar die Erfüllung der väterlichen Bitte. Ebenfalls unzweifelhaft stand fest, daß dem Aufbegehren des Heranwachsenden mit Rutenstreichen nicht mehr zu begegnen war. Zu härterer Bestrafung aber hätte es zumindest eines Teilgeständnisses bedurft, und das war von ihm nicht zu erhalten. So zeigt es sich, daß der alleinentscheidende Schritt in diesen Inquisitionsprozeß nicht die Folteranordnung ist, sondern sein Haftbefehl, der die Tortur fast zwangsläufig nach sich zieht. Und damit kann es auch nicht die zu diesem Zeitpunkt völlig nebulös-imaginäre Teufelsverstrickung eines längst verjährten Lebensabschnittes sein, die das Mißtrauen der Obrigkeit bestimmt, sondern der Punkt seines Ungehorsams (sprich: seiner Boshaftigkeit). Zwar kann Veit seine Eigenwilligkeiten begründen, doch vergißt er dabei seine soziale Rangstufe, in der es (für ihn ohnehin) nur untertänigsten Gehorsam - und allenfalls den Gnadenweg gab. Im Hinblick auf die ihm seit nunmehr drei Jahren zugebilligten obrigkeitlichen Aufwendungen in Form von geistlicher Betreuung, schulischer Unterweisung, Kost und Unterbringung, läßt sich daher der Unmut auf dem Domberg hinreichend begründen. Daß der Vater Veits angesichts dieser obrigkeitlichen Sichtweise um zusätzliche Unterstützung für seinen Sohn bittet, bringt letztlich das Faß nur zum Überlaufen. Eine gesetzliche Handhabe zu Strafmaßnahmen findet sich freilich wegen der Geringfügigkeit der Anlässe nicht, und somit deutet sich hier erstmals an, daß dieses soziale Eingliederungsproblem einer (vorerst) einzelnen Person unter dem Deckmantel einer Hexeninquisition gelöst werden soll.

Das Prozeßgeschehen nimmt gleich zu Beginn einen lawinenartigen Verlauf, den keinerlei Eindämmungsmaßnahmen begleiten. Begrenzt wird das Ausmaß letztlich durch das Fassungsvermögen des örtlichen Gefängnisses. Trotz beschleunigter Prozeßabwicklung (sprich: Todesurteile und deren baldige Vollsstreckung) ist es schließlich dermaßen überfüllt, daß die winzigen Zellen mehrfach belegt werden müssen. Bis weit über die Landesgrenzen hinaus schwappt die Horrorwelle. Namenslisten Verdächtiger, an die umliegenden kurbayerischen Landgerichte verschickt, führen zur Ergreifung jener Kinder und Jugendlichen, die gerade noch den fürstbischöflichen Häschern entkamen. Dennoch verebbt schon wenig später die Welle in Kurbayern; man gibt sich zurückhaltend angesichts der dürftigen Beweislage und zeigt schließlich überhaupt keine Neigung mehr, weiteren Denunziationen aus Freising Glauben beizumessen. Jenes Ansagen neuer Personen ist es aber gerade, das das Kernstück des Freisinger Prozesses bildet. In Kurbayern setzt man freilich eine vorangegangene gewissenhafte Ermittlungsarbeit der Freisinger Administration voraus, denn niemand kann ahnen, worauf sich die Verdachtsmomente in Wahrheit stützen. Gänzlich abwegig erscheint es daher, von den ohnehin mit Mißtrauen bedachten verdächtigen Hexenpersonen glaubhafte Angaben über weitere Kontaktpersonen erhalten zu können. So stagniert hier der Prozeßablauf und man verharrt in Unschlüssigkeit, während in Freising der Schrecken ständig neue Höhepunkte erreicht.

Die Vorgehensweise der fürstbischöflichen Administration ist simpel und wiederholt sich für jeden Häftling nach einheitlichem Muster: Verhöre, bei Nichtgeständigkeit Folter, bei abermaliger Geständnisverweigerung Folterwiederholung (mit einem Tag Unterbrechung). Weitere Nichtgeständigkeit könnte Schuldlosigkeit bedeuten, doch bis dahin steht es keiner durch (nur eine Inhaftierte soll später das Wunder vollbringen und kommt damit frei). Eine derartige Ermittlungsmethode fördert denn auch Geständnisse einer anderen Größenordnung zutage, als das noch im ersten Prozeß der Fall war. Johann Ostermayr beispielsweise, ein von Veit denunzierter Dreiundzwanzigjähriger, bekennt sich unter der Spitzrutentortur zur Teilnahme an 30 Hexentänzen und zwanzigfachem Wettermachen. Vier bis fünfmal habe er die heilige Hostie "entunehret", Mäuse, Füchse und Hasen gemacht und zuguterletzt neun Personen verzaubert, wovon thails gestorben und er kheinem mehr helffen khann ... (Gaukler ..., S.131). Das Ansagen weiterer, noch nicht als verdächtig eingestufter Personen schließt sich an.

Von untergeordneter Bedeutung ist die Zeugenschaft Unbeteiligter, die noch im ersten Prozeß eine ausschlaggebende Rolle spielte (im soeben geschilderten Fall befragt man zwar die 'verzauberten' Personen, die sich den Befragern freilich als ahnungslos präsentieren und daher nicht weiter behelligt werden). Unvergleichlich höheres Interesse zeigen die Ankläger an denunzierten Personen, die ausnahmslos als mitverdächtig gelten. In diesen Verhören ergänzt man die bereits erwähnten Namenslisten mit Vermerken über die Art und Form der Beschuldigung. Zur Vereinfachung verliest man sie schließlich jedem Neuinhaftierten und läßt sich die Eintragungen bestätigen.

Die unterschiedliche Vorgehensweise von fürstbischöflicher Inquisition und kurbayerischen Landgerichten findet in der 'Geständigkeit' der Hexenbuben deutliche Gegensätze. Da die Tortur angesichts der einzig aus Freising verlautenden imaginären Beschuldigungen nicht zur Anwendung kommt, weisen alle in Kurbayern Inhaftierten die Unterstellungen zurück. Ratlos wendet man sich daher an die fürstbischöfliche Inquisition, um durch Gegenüberstellungen der eigenen Gefangenen mit den Freisinger Häftlingen konkretere Anhaltspunkte für die vermeintlichen Verbrechen zu finden.

Die Anliegen stoßen auf Unverständnis. Gegenüberstellungen sieht man als wenig hilfreich und überdies hinderlich für den eigenen Prozeßverlauf an, doch zur Erhaltung guter Nachbarschafft ... wird deme woll willfahrt werden müssen ..., läßt man intern verlauten. So ist es nicht weiter verwunderlich, daß Wünsche nach Konfrontationen stets von bayerischer Seite aus laut werden; erst sehr viel später, wenn man selbst in Beweisnot geraten wird, soll hier ein Umdenken stattfinden.

In der Tat erweisen sich die kurbayerischen Landgerichte zunehmend als Hemmschuh für eine zügige Prozeßabwicklung. Ärgerlich gibt man jenen zu verstehen, künftige Verzögerungen nicht länger hinzunehmen: Sie hätten ihre Kriminalprozesse gefälligst zu "maturieren", da man mit den örtlichen bereits zum Schluß gekhomben und lengers als etwan 14 Tag noch aufzuhalten nit gedenckht werde. Die Äußerung bezieht sich auf Inhaftierte, deren Prozeß zwar geschlossen ist, deren Rechtsgutachten, geschweige denn Urteilssprechung aber noch aussteht: Ein erster versteckter Hinweis darauf, welchen Abschluß man auf dem Domberg erwartet.

Das Mißtrauen der fürstbischöflichen Inquisition gegenüber den Wünschen kurbayerischer Landgerichte zeitigt seltsame Blüten. Von ständiger Furcht getrieben, die eigenen Gefangenen könnten im Konfrontationsverhör ihre Anschuldigungen revidieren und möglicherweise gar die internen Ermittlungsmethoden offenlegen, werden jene 'präpariert' und auf ihre Aussagen eingeschworen (mit welchen Versprechungen oder Drohungen das geschieht, ist nicht erkennbar). Kein Aufwand scheint hier zu hoch, und überdies sichert man sich zusätzlich ab, indem man die Gegenüberstellungen nur unter Aufsicht des eigenen Gerichtes zuläßt. Dadurch entsteht der Eindruck von einem geschlossenen Team, bestehend aus Inquisition und Opfern, das wie eine Mannschaft in Siegeserwartung zu einem nationalen Wettkampf antritt. Gelingt es auch nicht immer, den solcherart festgeschriebenen Ablauf zu steuern, so tragen diese Inszenierungen doch erheblich dazu bei, daß letztlich auch in Kurbayern zwei Hinrichtungen stattfinden werden.

Deutlicher noch zeigt sich in den internen Verhören, wie bedenkenlos und leichtfertig man die elementarsten Grundsätze der Wahrheitsfindung verleugnet: Unter Folterandrohung denunziert Georg Mayr, 17 Jahre alt, zwölf neue Personen. Den Teufelspakt widerruft er und muß jetzt die gesamte Tortur durchstehen. Bei jedem Schlag des Scharfrichters widerruft er ein weiteres Bekenntnis (mit der einfachen Begründung, sie, die Gefangenen, hätten gemeinsame Absprachen getroffen), bis er am Ende, frei jeglicher Schuld, alle angesagten Personen entlastet. Ungeachtet dessen ergänzt man die Denunziationsliste durch die von ihm anfangs genannten Namen.

Im nächsten Verhör präsentiert er seinen Anklägern triumphierend eine Salbe, die er vom Teufel habe: Angesichts der ständigen Durchsuchungen der Inhaftierten eine Sensation. Der Genugtuung des Inquisitionsgerichtes über das ersehnte Corpus delicti setzt er jedoch nach angemessener Zeit einen Dämpfer auf. Von einem Arzt habe er die Salbe vor seiner Inhaftierung erhalten; wo er sie über Monate hinweg versteckt hielt, verrät er nicht.

Der betreffende Arzt wird niemals mit entsprechenden Fragen behelligt werden; dafür ordnet man erneut die Tortur gegen Georg Mayr an und erhält so wiederum seine Bestätigung der teuflischen Herkunft des in Frage stehenden Artikels. (Als Pendant zu Georg Mayrs Hexensalbe wird etwa zur gleichen Zeit aus dem Gericht Kranzberg von der Inhaftierung einer Frau berichtet, bei der sich ein ähnlich verdächtiges Utensil findet. Sie habe es von der Witwe des verstorbenen Freisinger Hofkanzlers erhalten, hält sie ihren Anklägern entgegen. Umgehend übersendet man das 'corpus delicti' nach Freising, mit der Bitte um Nachforschung. Tatsächlich bestätigt sich die Aussage und die Gefangene kommt damit frei. Pikant allerdings, daß der beargwöhnte Teufelsartikel ausgerechnet vom Domberg stammt).

Angesichts dieser 'Beschwerlichkeiten' empfiehlt der Stadtpflegerichter den baldigen Prozeßabschluß Georg Mayrs mit umgehender Hinrichtung (Gaukler ..., S.151ff). Diesem Wunsch schließen sich die Hofräte zwar nicht an, doch nur deshalb nicht, weil der Häftling noch für andere 'Dienstleistungen' benötigt wird. Im übrigen aber pflichtet man dem Ansinnen bei: Der Bannrichter habe seine peinlichen Gutachten ... dergestalten zu verfassen, damit man selbe auf negsten Freytag yberkommen und hierauf auf khommente Woche mit ainigen die Execution vornemen lassen möge ... (Gaukler ..., S.166).

Was das aus dem Munde der Hofräte heißt, bedarf eigentlich keiner Erläuterung. Er würde im geringsten nichts praeiudicirliches ainschleichen lassen, heißt es in der Eidesformel des Stadtpflegerichters; daß sich freilich selbst die fürstbischöflichen Hofräte über die Stimmen von Bannrichter und Stadträten (die über eine bannrichterliche Urteilsempfehlung zu befinden haben) offen hinwegsetzen, indem sie Todesurteile präjudizieren, läßt wohl allein eine hinreichende juristische Bewertung dieses Inquisitionsprozesses zu.

Entsprechend diesen Vorgaben dient auch die Torturverhängung nicht mehr der Wahrheitsfindung, sondern einzig der Disziplinierung widerspenstiger Häftlinge, denen sie wie eine Prügelstrafe verordnet wird. Mit einer geradezu unglaublichen Brutalität, die im Vorgängerprozeß nicht ihresgleichen findet, macht man die Angeklagten gefügig. Die Carolina ist zur inhaltslosen hohlen Form herabgewürdigt, die nur noch Alibifunktion besitzt. Unverhältnismäßig geradezu sind die Vorgaben zur Tortur: Vierzig bis fünfzig Spitzrutenstreiche anfangs (gegen Kinder!), und 2 Tage später die in der Regel etwas kleiner bemessene Wiederholung sind kaum durchstehbare Quälereien (zum Vergleich: Andre im ersten Prozeß erhielt achtzehn Schläge mit der Spitzrute). Besonders hart fielen diese Maßnahmen bei Widerrufen im entscheidenden letzten Verhör aus. Selbst triftige, nachprüfbare Begründungen schützten die Angeklagten nicht vor weiterer Mißhandlung. Antoni Paur, 17 Jahre alt, machte geltend, seine Narbe am rechten Arm rühre von einer früheren Rauferei und sei nicht teuflischen Ursprungs. Den weiteren Vorhaltungen, er habe zahlreiche Wetter gemacht, entgegnete er: Wann habe er das tun sollen, da er im Sommer den ganzen Tag in der Arbeit, im Wintter und beye Nacht aber, wie man sagt, kheine Wetter gemacht werdten khönnten ... (Gaukler ..., S.173). Auch ihn erreichte die Tortur, obwohl sich seine Aussage über das Zustandekommen der Narbe am Arm bestätigte; auf seine Rechtfertigung zum Anklagepunkt des Wettermachens ging man gar nicht ein.

Natürlich sind die Auswirkungen auf die Gefangenen verheerend. Was im ersten Prozeß noch unvorstellbar war, wird im zweiten zur Regel: Die Opfer sehen ihre Hinrichtung als Erlösung an, und was dem Bettelkind Andre einstmals mit seinem Selbstmord gelang, das findet nun vielfältige, freilich erfolglose Nachahmung.

Angesichts der Ignoranz und selbstgefälligen Rechtsprechung formiert sich allmählich der Widerstand; zunächst versteckt bei einzelnen Stadträten, dann in direkter Form beim ersten Bürgermeister, der sich offen gegen weitere Hinrichtungen unter dieser Rechtsnorm auflehnt (Gaukler, S.211ff). Zögernd läßt auch der Bannrichter durchblicken, daß er künftig umsichtiger verfahren werde.

Ein Umdenken auf dem Domberg ist dennoch nicht zu erkennen. Mit disziplinarischen Maßnahmen stellt man die Störenfriede ruhig. Gleichfalls ohne ersichtliche Wirkung bleiben die wahrhaft ergreifenden beiden Abschiedsbriefe des 17jährigen Georg Mayr, der sich noch im Angesicht des Todes als Sünder erkennt und sein Unvermögen geißelt, die an ihm vollzogenen Torturen nicht durchgestanden zu haben (Gaukler ..., S.197).

Die Situation ist alles andere als ermutigend für die Domherrschaft: Unverkennbarer Widerstand in den eigenen Reihen, wachsender Widerwille im kurbayerischen Umland. Elf Hinrichtungen hat es bisher gegeben, zehn weitere Hexenpersonen sehen einer bangen Zukunft entgegen. Keine bekennt sich zu Verbrechen, keine wird durch Gefährten beschuldigt; die letzten Widerrufe der Verstorbenen kommen noch hinzu, und dieses Vermächtnis ist es vor allem, das unbarmherzig die Vergangenheit heraufbeschwört: Einst Denunzierte gegen ihre Widerrufe im Angesicht des Todes.

Das Ergebnis ist wahrlich ernüchternd: Bis auf wenige, von den Todgeweihten schlicht vergessene Namen bleibt nichts, gab es nie Hexenpersonen. Drohend erhebt sich das Gespenst eines elfmaligen Justizirrtums. Doch das ist ausgeschlossen; absurd, diese Möglichkeit auch nur anzudeuten. In der Bedrängnis klammert man sich an jene Restliste der nicht freigesprochenen und spekuliert auf die allerletzte, im Beichtgeheimnis verborgene Wahrheit. Jene freilich bleibt tabu.

Die gemeldete Hinrichtung des von Freisinger Buben denunzierten Moosburgers Georg Pröls, der letztlich alle unter der Folter erzwungenen Bekenntnisse (bis auf seinen Teufelspakt) widerrief, macht eine weitere Hoffnung zunichte; am nachhaltigsten freilich schmerzt die demonstrative Absage des bayerischen Landgerichtes, mit der es den Hexenprozeß ein für allemal beendet.

Jetzt zeigen die Rückschläge Wirkung; die Verunsicherung der Hofräte ist unverkennbar. Erstmals erfolgen Entlassungen, doch gleichzeitig bemüht man sich um Beweismittel zur neuerlichen Prozeßverschärfung: Sodomie lautet der zusätzliche Anklagepunkt, von dem ausschließlich Kinder zwischen acht und zwölf Jahren betroffen sind. Freilich bleibt auch dieser Versuch, die nochmalige Wende zu erzwingen, folgenlos, denn der Bannrichter stellt unmißverständlich klar, daß Kinder solcher Verbrechen nicht fähig seien. Die in Beweisnot geratene Inquisition greift jetzt dankbar zu Mitteln, die sie bislang verschmähte: Dem Konfrontationsverhör bei landesfremden Gerichten. Als aus München die Nachricht eintrifft, der dortige Gefangene habe zwei Freisinger Buben (Bartholome Thaller und Mathias Widmann) belastet, verfügt man umgehend die Gegenüberstellung.

Die Konfrontation gerät zur peinlichen Veranstaltung der Freisinger Inquisition, da sich die Buben nicht an die Regeln halten. Ohne Umschweife legen sie die eigene Verhörspraxis offen und lassen durchblicken, daß man sich dafür an ihnen rächen werde (als Folge dieses Bekennnisses wird der 17jährige Bartholome Thaller zum Krüppel). Derart in Zugzwang geraten greift man wiederum auf bewährte Muster zurück: Mit Hilfe der Tortur macht man die Häftlinge abermals gefügig. Es ist nachgerade so, als könne alles ewig so weitergehen: Die Akten werden geschlossen, die Rechtsgutachten erstellt. Und doch ist jetzt alles anders. An dem zwölfjährigen Mathias Widmann entscheidet sich das weitere Prozeßgeschehen.

Bereits in der Vergangenheit hatte der Bannrichter das Todesurteil für den damals noch Elfjährigen anempfohlen und den Hofräten zugestellt, die es jedoch aus nicht ersichtlichen Gründen zurückbehielten. Im neuerlichen Rechtsgutachten stellt er nun klare Rechtsverstöße beim Verfahrensablauf fest und sieht in den Widersprüchen des Buben starke Indizien zur Schuldlosigkeit. Seine Rechtsempfehlung: Die Unterbringung des Kindes in geistliche Verwahrung. Sollte diese Meinung jedoch keinen Beifall finden, fügt er hinzu, sei der Beschuldigte durch das Fallbeil hinzurichten, welch letzterer Mainung ich aber kheinesweegs beipflichte ...

Die Brüskierung nimmt man nicht hin. Abermals muß Mathias Widmann in die Tortur, in der er wiederum alle zuvor gestandenen Untaten bestätigt; augenblicklich schließt man seine Akte. Der Bannrichter ist erneut gefordert, und wieder verweigert er sich den Forderungen der fürstbischöflichen Hofräte. Nun erst begreift man: Die Weiterführung des Prozesses ist nicht mehr durchsetzbar. Dennoch muß der Schein gewahrt bleiben: Verbannung der Inhaftierten aus dem Hochstiftsgebiet ist die neue Formel; Ausweisung und klösterliche Internierung. Auch hierbei zeigt sich freilich, daß selbst diese Strafzumessung auf schier unüberwindbare Hindernisse stößt: Die klösterliche Aufnahme scheitert an den dürftigen Vermögensverhältnissen der Eltern, und damit bleibt den Hofräten die Erniedrigung nicht erspart, die betreffenden Eltern persönlich (!) zur Erfüllung der Forderungen anzumahnen. Von väterlicher Beratung bis zur infamen Erpressung reicht wiederum das Angebot der fürstbischöflichen Herrschaft, doch zuguterletzt ist man genötigt, die anfallenden Transfer- und Betreuungskosten auf eigene Kasse zu übernehmen.

Am 30. April 1723 geht mit der Entlassung der letzten Hexenperson der Prozeß nach über zweijähriger Dauer zu Ende. Angesichts der klaren Zielsetzungen zur Inszenierung dieses Massenspektakels erscheint es nicht sinnvoll, eine Bewertung der vielfältigen Rechtsverstöße vorzunehmen, zumal man die bestehende Rechtsnorm der Carolina ganz offensichtlich als Hindernis für die zügige Prozeßabwicklung ansah. Es mag daher genügen, einen kurzen Vergleich mit den Prozessen des bayerischen Umlandes zu ziehen.

Zwei Todesurteile gab es hier, wobei die bereits erwähnte Hinrichtung von Georg Pröls in Moosburg als Politikum zu werten ist. Dem spektakulären, kaum überzeugenden Todesurteil folgte die demonstrative Beendigung des Prozesses durch unmittelbare Freisetzung aller weiteren Hexenpersonen. Entsprechende Empfehlungen gingen auch anderen Landgerichten zu. In München ermittelte man jedoch weiterhin gegen einen Jugendlichen (Georg Schrott), der sich lange gegen alle Unterstellungen verwahrte, später jedoch unter der Folter 'geständig' wurde und es bis zu seiner Hinrichtung blieb. Sein Fall muß wohl als 'juristisches Dilemma' bezeichnet werden. Die Carolina erklärt zwar ausdrücklich das eigene Geständnis ohne Schadensnachweis oder glaubhafte Zeugenschaft für nichtig, einer Freilassung des Buben stand jedoch die von niemandem in Zweifel gezogene Rechtmäßigkeit der Freisinger Hinrichtungsserie entgegen. Somit fand dieser Schlußakt ebenfalls im Sog der fürstbischöflichen Inquisition statt. Könnte man hier auch Einwände aufgrund unzureichenden Quellenmaterials geltend machen, so steht doch außer Frage, daß Denunziationen aus dem Kreise kurbayerischer Inhaftierter ausschließlich in Freising zu Prozeßverschärfungen führten. Die trügerische Basis der 'Redlichkeit aller Anzeigen', auf die sich sämtliche Verhöre gründeten, stand in Freising, und damit allein muß die Prozeßabwicklung der fürstbischöflichen Herrschaft im Vergleich zu den Rechtsverstößen der bayerischen Justiz als beispiellos gelten.

 

Bewertung der prozeßbeteiligten Institutionen und Personen

Die Auswertungen der beiden hier untersuchten Prozeßabläufe ließen erkennen, daß ihnen Vorgaben mit bestimmten Zielsetzungen zugrunde lagen. Damit erhebt sich die Frage, welcher Art diese Vorgaben waren und in welcher Weise die prozeßbeteiligten Institutionen daran teilhatten; kurz: Handelten die Verantwortlichen in der Tradition des Hexenhammers (malleus maleficarum), also in einer Verblendung des Hexenwahns, oder mißbrauchten sie vielmehr die Hexeninquisition zur Erreichung anderer Ziele?

Im ersten Prozeß wird deutlich, daß die Ankläger sich nach Prozeßbeginn lange bemühen, das Verfahren auf eine immerhin halbwegs gesicherte Beweisgrundlage zu stellen. Der Carolina gemäß scheint man die Gerüchte um Zauberei, gegenseitige Unterstellungen und Selbstbezichtigungen als nicht hinreichend zu erachten. Erst als dieses (allerdings ebenfalls denkwürdige) Bemühen um weiterreichende Beweismittel mißlingt, läßt sich erkennen, daß man diesen Prozeß dennoch unter allen Umständen zum blutigen Abschluß zu führen gedenkt. So verschleiert das weitere Vorgehen nur den Rückzug aus einer mißglückten Beweisführung, die ausschließlich zur Wahrung des rechtlichen Anscheins dient.

Im Gegensatz dazu läßt der zweite Prozeß eine vorsätzliche Inszenierung erkennen, die ebenso vorsätzlich einen Massenprozeß herbeiführt. Eine Orientierung an rechtlichen Normen, geschweige denn eine juristische Absicherung gegen Fehlbewertungen der Kinderaussagen ist zu keinem Zeitpunkt vorhanden. Gemessen an der Vorgehensweise im ersten Prozeß stellt diese Durchführung daher fraglos einen Rückfall in die Barbarei des vergangenen Jahrhunderts dar. Die Besinnung auf zeitgemäßere juristische Positionen findet nicht einmal statt, als unvermutete Widerstände zum Umdenken zwingen; so bleibt wiederum ein Rückzug auf Scheinpositionen, der die Berechtigung der fürstbischöflichen Inquisition unterstreicht.

Zur Vereinfachung der Untersuchung, welche Zielvorgaben unter welchen Verantwortungsbereichen tatsächlich bestanden, soll davon ausgegangen werden, daß die maßgebende Zentralgewalt (Fürstbischof) das Drama in einer traditionell übernommenen Hexenwahnverblendung leitete. Aus dieser Festlegung stellt sich unmittelbar die Frage, in welchem Ausmaß die mit der Abwicklung betrauten Personen das ihrige beitrugen, im vorgegebenen Sinne zu wirken. Waren sie selbst Verblendete, die in gläubigem Überzeugungseifer vorgingen, oder leisteten sie lediglich einen von ihnen verlangten Gehorsamsbeitrag ohne innere Anteilnahme? Im ersteren Fall müßten Eigenbeiträge der Betreffenden sichtbar werden, die höhererseits gebilligt oder verworfen würden, im anderen Falle würde man zumindest eine gewisse Passivität, wenn nicht gar versteckten Widerstand der Beteiligten erwarten können. Um hier treffende Merkmale zu extrahieren, bietet sich der Modellvergleich mit der Inszenierung eines Theaterstückes an. Ein Spielleiter vermittelt Auffassung und Durchführungsrichtlinien der zu inszenierenden Tragödie; ausschließlich im Dienste der Regie haben die Akteure individuelle Beiträge zu leisten und ihren Part glaubwürdig zu spielen. Ihre gleichbleibende Konstanz und ihre Anpassungsfähigkeit bei unvermittelt eintretenden Zwischenfällen oder bei sich anbahnenden Gegentrends wird damit zum Gradmesser ihrer Identifikation mit den vorgegebenen Rollen; für unzulässige Alleingänge der Akteure drohen Regieeingriffe in Form von Neubesetzungen.

Unter dieser Betrachtungsweise fiel die bei weitem schwierigste Rolle dem Stadtpflegerichter zu. Einer Reihe von Unwägbarkeiten ausgesetzt, die zu kaum voraussagbaren Wendungen führten, wurde ihm ein Höchstmaß an Anpassungsleistung abverlangt. Zum einen stellten die Hofratsbefehle ihn unvermittelt vor Aufgaben, die ihm wenig Vorbereitungszeit ließen; zum anderen war er den Zufälligkeiten der Verhöre ausgesetzt und wußte nie, wohin eine Befragung führen mochte. Hinzu kam, daß sein Tätigkeitsfeld eng bemessen war und so gut wie keine Planung des Prozeßablaufes zuließ; im großen und ganzen blieb sein Wirkungsbereich strikt auf den Verhörsraum begrenzt.

Mit dieser streng bemessenen Rollenvorgabe hatte der Stadtpflegerichter seine liebe Not. Seine Verständnislosigkeit gleich zu Beginn des zweiten Prozesses ist in der Tat auffallend. Das Bittgesuch von Veits Vater leitet er routinemäßig den Hofräten zu und stellt unverbindlich anheim, den Jugendlichen entweder zu Erdarbeiten abzustellen oder ihm seines schwachen Leibs halber anderweitig entgegenzukommen (Gaukler ..., S.296). Man beschließt jedoch, die Vergangenheit Veits durch Zeugenbefragungen zu durchleuchten, worauf jenes dürftige Resultat den (vom Stadtpflegerichter wiederum nicht erwarteten) Haftbefehl nach sich zieht. Gleichfalls überraschend für ihn erweisen sich die Unmutsbezeugungen der Hofräte über die juristisch nicht verwertbaren Ergebnisse seiner weiteren Befragungen. Obwohl der Stadtpflegerichter den Jugendlichen für einen ausgemachten Bösewicht hält, begreift er nicht, welches Ermittlungsergebnis man von ihm erwartet. Erst nach der Folterverhängung gegen den Häftling findet er sich langsam in seine Rolle als Hexeninquisitor, die er fortan ohne Beanstandung ausfüllt, - so zufriedenstellend, daß ihm die fürstbischöflichen Hofräte gegen Ende des Prozesses gar freie Hand lassen, nach eigenem Ermessen gegen die sodomieverdächtigen(1) Kinder vorzugehen. Jenen Freibrief gibt er freilich erschrocken zurück, obwohl sich das 'Unzuchttreiben' bestätigt.

Deuten solche Eigenschaften auch nicht gerade auf einen fanatischen Anhänger der Hexenlehre hin, so unterstreichen andere Äußerungen um so mehr den Verfolgungseifer des Stadtpflegerichters. Erkennbar wird dies in seiner Korrespondenz mit den kurbayerischen Landgerichten und der Genugtuung über deren Haftanordnungen; darüber hinaus versteht er sich häufig zu Vorschlägen, die fraglos als Beiträge zur Prozeßverschärfung zu werten sind. Geht man zudem davon aus, daß er allen menschlichen Regungen der Inquisitionsopfer direkt ausgesetzt war, so ist kaum denkbar, daß er dieser Dauerbelastung ohne grundlegenden Einklang mit der Hexenlehre bis zum Ende standhalten konnte. Gewichtiger freilich als seine Rollenidentifikation ist der Umstand, daß die scharfmachenden Einlassungen so gut wie keine sichtbare Resonanz bei den Hofräten hinterließen; die Vorgaben für den Ablauf des Dramas bestimmte man ausschließlich auf dem Domberg, und damit blieb das Wirken des Stadtpflegerichters auf die Rolle eines zuverlässigen Erfüllungsgehilfen für die fürstbischöflichen Wünsche beschränkt.

Größeren Freiraum gestand man dem Bannrichter zu (im ersten war es ein anderer als im zweiten Prozeß, doch kann man beider Part und ihr an den Tag gelegtes Rollenverständnis als ähnlich betrachten). Jene hatten nach Abschluß der Befragung die Inquisitionsergebnisse zu bewerten und das Abschlußurteil zu begründen. Unabhängig und frei von jeglicher übergeordneten Einflußnahme (theoretisch) hatten sie allein aufgrund 'toten' Papieres abzuwägen und zu urteilen (in der Regel kannten sie die Häftlinge nicht). Carolina und juristische Wertungen berühmter Rechtsgelehrter standen ihnen als weitere Arbeitsgrundlagen zur Verfügung.

Hält man sich die von ihnen verfaßten Rechtsempfehlungen vor Augen, so wird man rasch feststellen, daß dieses heillose Durcheinander von Für und Wider, mildernden Umständen und strafverschärfenden Fakten keinerlei Anzeichen einer individuellen Rechtsauffassung erkennen läßt. Von einem hexengläubigen Bannrichter sollte man erwarten, daß jener eine bestimmte juristische Position bezieht, von der aus die traditionelle Hexenlehre in weitgehenden Einklang mit zeitgemäßen Rechtsnormen gebracht wird. Ein in sich schlüssiges Konzept eines Rechtsgutachtens wäre das mindeste gewesen, aus dem quasi das Endurteil als Ergebnis eines 'Ringens um Wahrheit' erkennbar wird: Widersprüche zwischen Hexenlehre und juristischer Norm gegeneinandergestellt und gewichtet. Von ehrlichem Bemühen um Wahrheitsfindung kann aber nicht die Rede sein. So beschränkt sich das Wirken der Bannrichter darauf, die jeweiligen Endurteile mit dem Anschein juristischer Ausgewogenheit zu versehen.

Deutlicher noch zeigt sich die mangelhafte Rollenidentifizierung zum Schluß des jeweiligen Dramas. Im ersten Prozeß bringt der Bannrichter sein Mißfallen gegenüber den Forderungen höhererseits durch sein Begleitschreiben zum Ausdruck, in dem er für die von ihm soeben zum Tode verurteilten Bettelkinder um Verschonung ihres Lebens bittet (Gaukler ..., S.94). Man darf annehmen, daß ein von der Teufelsverstrickung und Bösartigkeit der Kinder überzeugter Bannrichter derlei Skrupel kaum hätte erkennen lassen. Ebensowenig weisen ihn seine formaljuristischen Einwände wegen ihrer Strafunmündigkeit als verblendeten Hexenfanatiker aus. Im zweiten Prozeß fällt die wegwerfende Art auf, mit der der Bannrichter die Erstellung seiner Rechtsgutachten als schikanöse Pflichtübung auffaßt und dafür mehrfach von den Hofräten gerügt wird. Sein offener Widerstand zuletzt zeichnet ihn als Juristen aus, der sich mit der ihm aufgedrungenen schändlichen Rolle nicht abfindet. Die Verweigerung künftiger Bluturteile tarnt er mit eben denselben Argumenten, mit denen er bislang die Todesstrafe begründete. Charakteristisch ist hier der wiederholt verwendete Terminus bezüglich der Hexentanzdetails so ein Unschuldiger nicht wissen kann; unversehens verfällt dieses stets überragende Indiz für Schuldverstrickung zur bedeutungslosen Floskel, indem einleuchtend auf gegenseitige Absprachen der Gefangenen verwiesen wird. Nicht einmal der Versuch findet statt, diese Umkehrungen als neue Fakten oder Erkenntnisse darzustellen, geschweige denn bereits zurückliegende Verurteilungen unter jenem Aspekt zu betrachten.

Der offene Widerstand des Bannrichters gegen Ende des zweiten Prozesses stellt eine klare Brüskierung der fürstbischöflichen Regierung dar, die dennoch nur zu einem milden Verweis führt. Verständlich ist die Zurückhaltung der Hofräte nur angesichts der zu diesem Zeitpunkt unübersehbaren Tendenzen in Kurbayern, die Prozesse schnellstmöglich abzuschließen. Eine Bestrafung des Bannrichters (sprich: seine Entlassung) barg immerhin das Risiko in sich, daß er sein Wissen um die wahre Beweislage im Prozeßgeschehen an jene fremden Landgerichte weitergeben konnte. Die Angst vor Einsichtnahme in die fürstbischöfliche Inquisition war tatsächlich so allgegenwärtig, daß sich sein offener Widerstand allein aus dieser Position heraus erklären läßt.

Aufgrund der Gegebenheiten muß man beide Bannrichter als zeitgemäß und eher aufgeklärt denn als traditionelle Hexenjäger bezeichnen. Den ihnen zugewiesenen Rollen wurden sie nur mäßig gerecht und ließen letztlich jegliches von ihnen erwartetes Rollenverständnis vermissen: Sie fielen geradezu aus ihrer Rolle.

Ähnlich verhielt es sich mit den Stadträten; als letzte Entscheidungsinstanz des weltlichen Gerichtes hatten sie über die Rechtsempfehlungen des Bannrichters zu befinden und gaben in namentlicher Abstimmung ihr Urteil ab. Vierzig an der Zahl, größtenteils Handwerker, gehörten sie zur angesehenen Bürgerschicht. Theoretisch hatten sie freies Stimmrecht, doch ein in Ungnade gefallener Stadtrat konnte kaum noch auf fürstbischöfliches Wohlwollen rechnen.

Bis auf einzelne Abweichler zeigten sie eine seltsame Einigkeit in ihrer Stimmabgabe; drei Todesurteile im ersten, elf im zweiten Prozeß. Geschlossenheit auch bei der letzten Abstimmung, die auf Verbannung für den wohl aufsässigsten, verzogensten und damit fragwürdigsten (boshaftigsten) aller Gefangenen lautete. Damit erwiesen sich die Stadträte zunächst als williges Vollzugsorgan, um letztlich ebenso einhellig gegen die Wünsche vom Domberg zu stimmen.

Bei ihnen ist es die Geschlossenheit, die Sicherheit gegen fürstbischöfliche Disziplinarmaßnahmen verspricht: Die Opposition einzelner Abgeordneter zieht Bestrafungen nach sich, die Verweigerung aller bleibt ungeahndet. Natürlich ist auch die vorangegangene Signalwirkung des bannrichterlichen Widerstandes nicht ohne Einfluß auf ihr Votum. Wie man es aber auch werten mag: Wegen späten Erwachens aus tiefverwurzelter Hexenlehre geschah diese Kehrtwendung sicher nicht.

Bleibt letztlich zu untersuchen, ob das Wirken der Hofräte aus Verblendung im traditionellen Hexenwahn zu deuten ist. Überwiegend jungen Alters, hatten einige an der Universität Ingolstadt ihr Jurastudium absolviert, wodurch sie als 'modern' gelten konnten. Sie prüften die vom Bannrichter erstellten Gutachten und gaben sie bei Gutbefinden weiter zur Urteilssprechung an die Stadträte.

Hier gibt die Art der Rügen auf die bannrichterlichen Einlassungen wertvollen Aufschluß über ihre innere Einstellung. Nicht das geradezu himmelschreiende Konglomerat widersprüchlicher Ausführungen in den Rechtsgutachten ist es, das zu Beanstandungen führt, sondern ausschließlich rein formalrechtliche Punkte. Widerrufsbegründungen der Gefangenen habe er stillschweigend übergangen, hält man dem Bannrichter beispielsweise vor. Auf alles habe er jedoch einzugehen, ob schon endlich dergleichen Umbstendt zue Erleichterung der Straff nit allerdings auslenglich sein würden ... (Gaukler ..., S.226). Darüberhinaus wohnten die Hofräte den entscheidenden letzten Verhören (in banco juris) bei und konnten sich so einen persönlichen Eindruck von der Glaubwürdigkeit der Einwendungen verschaffen.

Mitunter geht aus den Rechtstagen eine Reihe vorangegangener Rechtsverstöße hervor, die dem Stadtpflegerichter nicht gerade zur Ehre gereichen. Dennoch führen derartige Mängel ebensowenig zu neuerlichen Untersuchungen, wie die durchaus plausiblen Rechtfertigungen der Inquisitionsopfer dazu Veranlassung geben. Stereotyp versteift man sich darauf, daß die Widerrufe der Gefangenen unbegründet seien und man die Urteile denen Peinlichen Rechten gemäss zu sein erachtet ... (Gaukler ..., S.284).

Die geharnischte Kritik an der Verfahrensführung, durch den ersten Bürgermeister Freisings ausgesprochen, muß ebenfalls ernüchternd auf die Hofratsrunde gewirkt haben. Besonders seine Forderung, sich der Universität Ingolstadt als unabhängiger Schiedsstelle zu unterwerfen, dürfte bei den dieser Universität einst angehörenden Hofräten mit Unbehagen vermerkt worden sein (Gaukler ..., S.211ff). Im Klartext stellte der Einwurf eine vernichtende Kritik an der Verfahrensführung der fürstbischöflichen Herrschaft dar, abgesehen davon, daß die Forderung unabsehbare Risiken in sich barg. Nicht nur die sofortige Prozeßbeendigung wäre absehbar gewesen, weitaus schlimmer hätte sich die schier unerträgliche Last der offenkundigen Justizirrtümer erwiesen. Verständlich daher die demonstrative Nichtbeachtung dieses Antrages, unverständlich freilich, daß der Ruf nach mehr Absicherung überhaupt kein Einlenken bewirkte. Die Aktivitäten der Hofräte beschränkten sich weiterhin auf die Steuerung der Inquisition, wohingegen sie nach deren Abschluß in die gehabte Passivität verfielen und sich der Rechtsprechung des Bannrichters scheinbar willenlos unterwarfen - sofern seine Empfehlungen ihren Wünschen entsprachen. Mit Abschluß der Inquisition stand auch das Urteil fest - eine Verfahrensweise, die jeglicher Rechtsauffassung Hohn spricht. So bleibt nur der Schluß, daß sie entweder völlig verblendet im Hexenwahn alle juristischen Intentionen sowie ihre Herkunft (Jurastudium) verleugneten, oder lediglich andiktierte Vorgaben in getreuer Erfüllung ihres Hofratseides weiterreichten und vor unerwünschter Kritik abschirmten.

Undurchsichtig erscheint in dieser Tragödie die Rolle der Geistlichkeit. Daß es zu Spannungen zwischen weltlicher Regierung und den Mönchen kam, deutet sich mehrfach in den Protokollen an. Abgesehen davon dürfte hier jedoch zutreffen, was bereits der Jesuit Friedrich Spee in seiner Cautio Criminalis(2) sagt: Unter den Geistlichen befinden sich eifernde Fanatiker und aufgeklärte Gelehrte gleichermaßen. Feststeht, daß die Franziskanermönche von den Kindern im ersten Prozeß mehr oder weniger abgelehnt wurden und darüber hinaus viel zum Ausbruch des zweiten Prozesses beitrugen. Ihr Unverständnis gegenüber jugendlichem Übermut und ihre Einredungen über die teuflische Verstrickung Veits erzeugten Verunsicherung und schufen letztlich die Voraussetzungen für das weitere Geschehen. Die Opfer des zweiten Prozesse dürften beiderlei Arten von Beichtvätern erlebt haben.

Bleibt die Bevölkerung als mehr oder weniger naher Zuschauer des Geschehens, die sich in angstvolles Schweigen hüllte und damit der fürstbischöflichen Herrschaft den Beifall versagte. Mag auch der Hexenglaube noch weit verbreitet gewesen sein: Die Zurückhaltung bei den Befragungen und die mangelnde Bereitwilligkeit, eigene verdächtig erscheinende Beobachtungen beizusteuern, dürften enttäuschend für die Ankläger gewesen sein. Insbesondere die Eltern und Angehörigen der Prozeßopfer, ebenso jedoch die mit Mißtrauen bedachten Stadträte (als Angehörige des Volkes) stellten ein unberechenbares Potential dar, das sich zwar ruhig, aber nicht zustimmend verhielt. Das hatte Rückwirkungen. Bei allem Bemühen um strikte Geheimhaltung der inquisitorischen Ermittlungsarbeit bricht wiederholt die Angst der Ankläger hervor, sobald sich auch nur der allergeringste Verdacht eines Geheimnisbruches zeigt. Die Furcht vor Aufdeckung der wahren Hintergründe führte daher zu einer unverhältnismäßigen Drohhaltung, mit dem Ergebnis, daß das rigorose Vorgehen der fürstbischöflichen Herrschaft noch weit über das Ende der Prozesse hinaus wirkte; zumindest das Ziel einer nachhaltigen Einschüchterung wurde somit erreicht.

Die Frage letztlich, ob Fürstbischof Johann Franz Eckher an die traditionellen Vorstellungen von Hexentanz, Teufelspakt und Zauberei glaubte, oder ob er diese Hexeninquisitionen als Deckmantel für die Lösung sozialer Fragen mißbrauchte, läßt sich aus dem Aktenbestand der Inquisitionsprotokolle nicht beantworten. Sein Name taucht nur in Bittgesuchen von Angehörigen der Opfer und in sogenannten Designationen des Stadtpflegerichters auf, durch die sich der Fürstbischof ein Bild über den Stand des Verfahrens übermitteln ließ. Erkennbar ist freilich, daß er diesen Prozessen nicht nur freien Lauf ließ, wie es mitunter verharmlosend heißt, sondern daß er sie inszenierte und die Tragödie, nachdem der Beifall ausblieb, abzusetzen gezwungen war. Falls er jedoch wirklich dem Hexenwahn in dem hier geschilderten Umfang anhing, ließe sich hinzufügen: Ein Kind seiner Zeit war er gewiß nicht. Allenfalls ein Kind einer längst vorübergegangenen Epoche; und hier stand er alleine - weit und breit.

 

(1) Unter Sodomie verstand man seinerzeit nicht nur das sexuelle Treiben mit Tieren, sondern auch Homosexualität bzw. die von der (Ehe)norm abweichende geschlechtliche Betätigung

 

(2) Das anonym im Jahre 1632 erschienene Werk ist das erste, das sich kritisch mit der traditionellen Hexenlehre auseinandersetzt und die geübte Rechtsprechung geisselt. So sehr die Broschüre Aufsehen erregte, so sehr mußte der Verfasser um sein künftiges Dasein fürchten. Nur mit Not entging er dem Scheiterhaufen

 

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